KI verändert den Arbeitsmarkt – aber nicht so, wie viele erwartet hatten

KI verändert den Arbeitsmarkt – aber nicht so, wie viele erwartet hatten
Wie KI den Arbeitsmarkt verändert

​Künstliche Intelligenz sollte den Arbeitsplatz schnell verändern – die Prognosen reichten von einem Produktivitätsboom bis hin zu Massenarbeitslosigkeit. Drei Jahre nach Beginn des Booms bei generativer KI ist keines der beiden Extreme eingetreten. Stattdessen zeigen sich erste Anzeichen von Umbrüchen in bestimmten Berufen und, vielleicht noch wichtiger, bei Menschen, die versuchen, in diese Berufe einzusteigen.

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

Die neuesten Forschungsergebnisse von Goldman Sachs bieten eine nützliche Realitätsprüfung. Die Bank schätzt, dass KI das monatliche Beschäftigungswachstum in den USA im vergangenen Jahr um etwa 16.000 Stellen verringert und die Arbeitslosigkeit lediglich um rund 0,1 Prozentpunkte erhöht hat. Das ist kaum eine Job-Apokalypse, doch die Schlagzeilenzahlen verbergen weitaus größere Veränderungen darunter.

Der Umbruch zeigt sich zuerst bei jungen Arbeitskräften

Die deutlichste Warnung kommt aus Berufen, in denen KI bereits einen erheblichen Teil der Routinearbeit übernehmen kann. Der AI Index 2026 der Stanford University ergab, dass die Beschäftigung von US-Softwareentwicklern im Alter von 22 bis 25 Jahren seit 2024 um fast 20 % zurückgegangen ist, während die Beschäftigung älterer Entwickler weiter zunahm.

Das schafft ein Problem, das über die unmittelbare Zahl der verlorenen Arbeitsplätze hinausgeht. Berufseinsteiger lernen traditionell, indem sie zunächst einfachere Aufgaben übernehmen und sich dann zu Tätigkeiten weiterentwickeln, die mehr Urteilsvermögen und Verantwortung erfordern. KI kann zunehmend genau diese ersten Aufgaben übernehmen.

PwC stellte nach der Analyse von mehr als 1 Milliarde Stellenanzeigen weltweit eine ähnliche Entwicklung fest. Für US-Einstiegspositionen mit hoher KI-Exposition werden zunehmend Kompetenzen verlangt, die traditionell mit erfahrenen Arbeitskräften verbunden sind, darunter Urteilsvermögen, Führungsqualitäten und Kreativität.

„KI nimmt einen Teil der Routinearbeit weg, die früher als eine Art Ausbildung diente“, sagte Pete Brown, globaler Leiter des Bereichs Workforce bei PwC.

Wenn Maschinen zunehmend die Tätigkeiten übernehmen, durch die Berufseinsteiger früher Erfahrungen sammelten, brauchen Unternehmen einen anderen Weg, um die erfahrenen Fachkräfte hervorzubringen, die sie weiterhin einstellen möchten.

KI verändert Arbeitsplätze schneller, als sie sie abschafft

Das Gesamtbild ist weiterhin deutlich weniger dramatisch. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass weltweit einer von vier Beschäftigten in einem Beruf arbeitet, der in gewissem Maß generativer KI ausgesetzt ist, warnt jedoch davor, Exposition mit Redundanz gleichzusetzen.

Büro- und Verwaltungsberufe gehören weiterhin zu den am stärksten betroffenen Bereichen, doch KI erreicht zunehmend auch qualifizierte Berufe wie Finanzwesen und Softwareentwicklung. In vielen Fällen bedeutet das, dass sich die Tätigkeit der Menschen verändert, anstatt den Beruf vollständig zu beseitigen.

Ein Finanzanalyst kann KI nutzen, um einen ersten Entwurf einer Analyse zu erstellen, muss aber weiterhin entscheiden, ob die Analyse schlüssig ist. Ein Softwareentwickler kann Code schneller generieren und zugleich mehr Zeit für dessen Prüfung und Tests aufwenden. Dadurch kann sich die Zahl der für bestimmte Aufgaben benötigten Personen verringern, ohne den Beruf selbst abzuschaffen.

Die Auswirkungen werden weltweit unterschiedlich ausfallen

KI wird nicht jeden Arbeitsmarkt auf dieselbe Weise erreichen. Demografie, Löhne, Kompetenzen und Regulierung beeinflussen, ob die Technologie eher Arbeitsplätze ersetzt oder Menschen dabei hilft, ihre Aufgaben schneller zu erledigen.

In Singapur setzt laut dem Ministry of Manpower inzwischen mehr als ein Viertel der Unternehmen KI ein, doch nur 6,2 % der Anwender meldeten einen Personalabbau. Unternehmen entschieden sich deutlich häufiger dafür, bestehende Arbeitsplätze neu zu gestalten oder neue KI-bezogene Positionen zu schaffen.

Indien steht vor einer anderen Herausforderung. In der Technologie- und Business-Process-Outsourcing-Branche des Landes arbeiten Millionen Menschen in digital erbrachten Tätigkeiten, die generative KI zunehmend übernehmen kann. Eine Technologie, die alternden Volkswirtschaften helfen könnte, den Arbeitskräftemangel zu bewältigen, könnte in jüngeren Volkswirtschaften, die eine große Zahl von Büroarbeitsplätzen schaffen müssen, größeren Druck erzeugen.

Europa könnte einen anderen Weg einschlagen. Ein stärkerer Beschäftigungsschutz könnte unmittelbare Entlassungen seltener machen, während sich der Umbruch stattdessen durch veränderte Verantwortlichkeiten, eine langsamere Einstellungspraxis und weniger Einstiegspositionen zeigt.

Die Trennlinie könnte zunehmend bei den Kompetenzen liegen

KI schafft auch Nachfrage nach neuen Formen von Arbeit. PwC stellte fest, dass die Zahl der Stellen, für die KI-Kompetenzen erforderlich sind, seit 2019 um 69 % gestiegen ist, verglichen mit 9 % im gesamten Arbeitsmarkt. Die größere Trennlinie könnte daher zwischen Arbeitskräften verlaufen, die KI mit ihrem eigenen Urteilsvermögen und ihrer Expertise kombinieren können, und jenen, deren Tätigkeiten stark auf Aufgaben beruhen, die KI kostengünstig erledigen kann.

Die Schwierigkeit besteht darin, von der einen Gruppe in die andere zu gelangen. Arbeitgeber suchen zunehmend Menschen, die KI-Ergebnisse überwachen, Fehler erkennen und Entscheidungen treffen können – doch diese Fähigkeiten entstehen normalerweise durch Erfahrung. Wenn Unternehmen weniger Berufseinsteiger einstellen, weil KI Aufgaben auf Junior-Niveau übernehmen kann, riskieren sie, die Pipeline zu schwächen, aus der später erfahrene Mitarbeiter hervorgehen.

Die erste Stufe der Karriereleiter könnte sich verändern

Die Job-Apokalypse ist nicht eingetreten. Bisher zeigt sich ein großer Teil des Umbruchs durch veränderte Aufgaben, andere Kompetenzanforderungen und Druck auf bestimmte Gruppen statt durch Massenarbeitslosigkeit.

Junge Arbeitskräfte könnten zu den Ersten gehören, die dies spüren, weil die Tätigkeiten, die traditionell Berufseinsteigern übertragen werden, oft genau zu den Aufgaben gehören, die KI gut erledigen kann. Unternehmen müssen daher möglicherweise neu überdenken, welchem Zweck Einstiegspositionen dienen und wie Menschen lernen, nachdem sie eine solche Stelle angetreten haben.

Was möglicherweise bereits verschwindet, ist eine ältere Vorstellung von Karriere: dass Menschen in einen Beruf einsteigen, indem sie dessen einfachste Aufgaben übernehmen, und sich allmählich nach oben entwickeln. Wenn KI mehr von diesem ersten Schritt übernimmt, besteht die Herausforderung nicht nur darin, Arbeitsplätze zu erhalten, sondern auch darin, einen neuen Weg zu finden, auf dem Menschen ihre beruflichen Fähigkeiten entwickeln können.

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