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Europa hat im Wettbewerb um große Börsengänge, Liquidität und Kapital jahrzehntelang gegenüber den USA an Boden verloren. Um das zu ändern, sprechen die beiden größten Börsenkonzerne der Region erneut über einen Zusammenschluss. Bei Erfolg könnte der Deal den fragmentierten EU-Markt in eine Plattform verwandeln, die mit Nasdaq und NYSE konkurrieren kann.
Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.
Laut der Financial Times ist Euronext offen für eine Verbindung mit der Deutschen Börse. Euronext-CEO Stéphane Boujnah sagte, eine Option könnte eine Fusion speziell zwischen den Börsengeschäften der Unternehmen sein. Eine vollständige Fusion schloss er ebenfalls nicht aus, betonte jedoch, dass derzeit keine Gespräche stattfinden.
Der potenzielle Deal wäre von erheblicher Größenordnung. Euronext betreibt Börsen in acht Ländern, darunter Handelsplätze in Paris, Amsterdam und Mailand, und verfügt über eine Marktkapitalisierung von rund 16 Mrd. €. Die Deutsche Börse, die mit etwa 50 Mrd. € bewertet wird, betreibt die Frankfurter Wertpapierbörse und Eurex, einen der weltweit größten Handelsplätze für Derivate.
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Boujnah ist der Ansicht, dass ein Zusammenschluss die Aktienmärkte der drei größten Volkswirtschaften der EU — Deutschland, Frankreich und Italien — verbinden könnte. Er bezeichnete eine solche Struktur als eine paneuropäische Marktinfrastruktur von „planetarischem Ausmaß“. Neben dem Aktienhandel betreiben beide Konzerne auch Clearing, Settlement und weitere Finanzdienstleistungen.
Die Anleger reagierten positiv auf die Idee. Nach Boujnahs Äußerungen legten die Euronext-Aktien um rund 2,1 % zu, während die Deutsche Börse um 2,9 % stieg. Beide Aktien liegen seit Beginn des Jahres 2026 rund 26 % im Plus.
Die größte Schwäche Europas ist sein fragmentierter Aktienmarkt. Die EU verfügt über Dutzende nationale Handelsplätze mit unterschiedlichen Regeln und Aufsichtsbehörden, während der US-Markt auf Nasdaq und NYSE konzentriert ist. Im Jahr 2024 entsprach die Marktkapitalisierung der EU-Börsen lediglich 73 % des regionalen BIP. In den USA erreichte der Wert 270 % des BIP.
Der Unterschied zeigt sich besonders deutlich am IPO-Markt. Laut ESMA gingen seit 2018 durchschnittlich 65 ausländische Unternehmen pro Jahr in den USA an die Börse, verglichen mit lediglich 14 in der Europäischen Union. Im Jahr 2024 entfielen 51 % der neuen IPOs in den USA auf ausländische Unternehmen, während ihr durchschnittlicher Anteil in der EU zwischen 2018 und 2024 nur 9 % betrug.
US-Börsen bieten Unternehmen tiefere Märkte und Zugang zu einem größeren Pool bedeutender Anleger. Besonders ausgeprägt ist die Lücke bei Technologieunternehmen: In einigen Hightech- und wissensintensiven Branchen sind die medianen IPO-Bewertungen in den USA bis zu zehnmal höher als in Europa.
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Daher entscheiden sich sogar europäische Unternehmen für die USA. So führte der britische Chipdesigner Arm seinen Börsengang 2023 an der Nasdaq durch, nachdem er sich gegen eine Notierung in London entschieden hatte. Die EZB nannte außerdem CRH, Linde und Flutter Entertainment als Unternehmen, die ihre Erstnotierungen in den vergangenen Jahren von Europa in die USA verlagert oder sich gegen europäische Börsen entschieden haben.
Heute muss ein Unternehmen, das in Europa Kapital aufnehmen möchte, faktisch zwischen getrennten nationalen Märkten wählen. Selbst innerhalb der EU bleibt der Aktienmarkt zwischen verschiedenen Börsengruppen, nationalen Aufsichtsbehörden und Marktinfrastrukturen aufgeteilt. Paris und Mailand gehören bereits zu Euronext und arbeiten auf einer gemeinsamen Technologieplattform, doch der größte Markt der Region — Deutschland — ist weiterhin nicht in dieses System integriert.
Für Emittenten wäre der wichtigste Vorteil der Zugang zu einer breiteren Anlegerbasis über eine einzige Infrastruktur. Ein großes deutsches Unternehmen könnte besseren Zugang zu Kapital in Frankreich, Italien und den Niederlanden erhalten, während an Euronext notierte Unternehmen mehr deutsche institutionelle Anleger erreichen könnten. Dieser Mangel an Markttiefe ist einer der größten Nachteile Europas im Wettbewerb um bedeutende Börsennotierungen.
Auch die Liquidität spielt eine Rolle. Je mehr Käufer und Verkäufer auf einer Plattform konzentriert sind, desto leichter lassen sich große Transaktionen ausführen, ohne starke Kursbewegungen auszulösen. Dies ist insbesondere für große Unternehmen bei IPOs und im anschließenden Handel wichtig, wo Nasdaq und NYSE weiterhin einen klaren Vorteil haben.
Eine gemeinsame Struktur könnte auch beim Wettbewerb um Börsennotierungen selbst effektiver sein. Statt zwischen mehreren europäischen Börsen wählen zu müssen, könnte ein Unternehmen Zugang zu einem Markt erhalten, der die größten Volkswirtschaften der EU umfasst. Damit würde sich das europäische Modell dem US-System annähern.
Die Idee eines Zusammenschlusses der größten europäischen Börsen ist nicht neu. Seit zwei Jahrzehnten gab es entsprechende Versuche. 2006 strebte die Deutsche Börse die Übernahme von Euronext an, gab den Deal letztlich jedoch auf. Euronext fusionierte später mit NYSE, während die Europäische Kommission 2012 eine geplante Fusion zwischen der Deutschen Börse und NYSE Euronext blockierte. Die Aufsichtsbehörden befürchteten, dass der fusionierte Konzern zu viel Kontrolle über den europäischen Derivatemarkt erlangen würde.
Ein weiterer großer Versuch der Deutschen Börse scheiterte 2017. Die Europäische Kommission blockierte ihre Fusion mit der London Stock Exchange Group wegen Bedenken hinsichtlich eines verringerten Wettbewerbs. 2023 erörterten Führungskräfte von Euronext und der Deutschen Börse eine begrenztere Option — ein Joint Venture zur Gewinnung europäischer Börsennotierungen —, doch das Projekt wurde nie gestartet.
Die Rahmenbedingungen verändern sich nun allmählich. Die Europäische Kommission überprüft ihren Ansatz gegenüber großen Fusionen und veröffentlichte am 30. April 2026 einen Entwurf für neue Regeln. Gleichzeitig versucht die EU, ihre nationalen Kapitalmärkte zu integrieren: Im Dezember 2025 schlug Brüssel ein Maßnahmenpaket vor, das auf den Abbau von Barrieren zwischen den Finanzmärkten des gesamten Staatenblocks abzielt.
Die Idee hat auch politische Unterstützung gewonnen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat zur Schaffung einer einheitlichen europäischen Börse aufgerufen. Euronext und die Deutsche Börse stehen jedoch weiterhin vor demselben grundlegenden Hindernis: Jede Fusion zwischen den beiden größten europäischen Börsenbetreibern müsste eine kartellrechtliche Prüfung bestehen. Boujnah selbst räumte ein, dass diese Hürden bekannt seien und etwaige Gespräche wirtschaftlich für die Aktionäre sinnvoll sein müssten, statt von Politikern vorangetrieben zu werden.
Eine einzelne Fusion würde nicht ausreichen, um einen vollwertigen Konkurrenten zu Nasdaq und NYSE zu schaffen. US-Börsen sind weiterhin deutlich tiefer und ziehen wesentlich mehr globales Kapital an. Ein Zusammenschluss von Euronext und der Deutschen Börse könnte jedoch eine der größten Schwächen des europäischen Marktes beseitigen — seine Fragmentierung. Diesmal hätte ein solcher Deal etwas, das vielen früheren Versuchen fehlte: sowohl einen wirtschaftlichen Anreiz für die Börsen als auch politischen Druck für einen stärker integrierten europäischen Kapitalmarkt.