Polygon-CEO: Es gibt bereits mehr Blockchains, als die Welt sinnvoll nutzen kann

Polygon-CEO: Es gibt bereits mehr Blockchains, als die Welt sinnvoll nutzen kann
Interview mit Polygon-Labs-CEO Marc Boiron

​Der Hype um Blockchain ist längst abgeklungen, und die Kryptoindustrie konzentriert sich zunehmend auf praktische Anwendungen der Technologie. Statt großer Versprechen richtet sich der Blick des Marktes auf das, was bereits funktioniert. In einem Interview mit Traders Union erklärte Marc Boiron, CEO von Polygon Labs, warum die Welt keine weiteren Blockchains mehr braucht, wie Stablecoins den Zahlungsverkehr verändern und welche Rolle KI bei diesem Wandel spielen könnte.

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

Blockchain hat die Hype-Ära hinter sich gelassen

Vor etwa 10 Jahren wurde Blockchain als universelle Lösung für nahezu jede Branche präsentiert. Einige Unternehmen fügten sogar das Wort „Blockchain“ zu ihrem Namen hinzu, um Investoren anzulocken.

Seitdem ist ein Großteil des Lärms um diese Welle abgeklungen, und der Markt kann funktionierende Produkte deutlich besser von überzeugenden Geschichten unterscheiden.

„Die Unternehmen, die Blockchain in ihren Namen aufgenommen haben, wollten durch den Verkauf einer Geschichte kurzfristige Kursanstiege erzielen. Diejenigen, die heute noch bestehen, haben sich auf langfristigen Wert konzentriert, einschließlich Anwendungsfällen wie Payments.“

Boiron sieht Stablecoins als das bislang nützlichste Ergebnis der Branche. Seiner Ansicht nach zeigt sich der praktische Wert von Blockchain heute vor allem im Zahlungsverkehr.

„Nachdem der Hype abgeklungen war, blieb ein Abwicklungssystem übrig, das einen Dollar jederzeit und zu sehr niedrigen Kosten über das Internet bewegen kann – so wie eine E-Mail.“

Memecoins bestimmen nicht den Markt

Auch nach einer strengeren Regulierung bleibt Krypto ein Markt, in dem nahezu augenblicklich neue Token entstehen können. Plattformen wie Pump.fun ermöglichen es, innerhalb kurzer Zeit Hunderte von Memecoins zu starten.

Boiron sieht darin keinen Beleg dafür, dass die Kryptoindustrie nicht gereift ist. Er vergleicht solche Projekte mit Spam-Websites aus den frühen Tagen des Internets: Ihre Existenz hinderte nützlichere Dienste nicht daran, sich zu entwickeln.

„Man konnte schon immer innerhalb weniger Minuten eine Website registrieren, und niemand betrachtete Spam-Seiten als Beweis dafür, dass das Internet nie erwachsen geworden sei.“

Seiner Ansicht nach ziehen einfache und spekulative Produkte Nutzer in den frühen Phasen einer neuen Technologie oft besonders stark an. Mit der Zeit machen praktischere Anwendungen jedoch einen größeren Anteil der relevanten wirtschaftlichen Aktivitäten aus.

„2017 wetteten die Menschen darauf, dass Whitepaper zu etwas Realem werden würden. Heute gibt es klare Anwendungsfälle, die Wert schaffen, etwa die Bewegung von Onchain-Geld.“

Der Markt braucht keine weiteren Blockchains

Polygon konzentriert sich zunehmend auf Payments und Stablecoins statt auf den Ausbau der Blockchain-Infrastruktur. Boiron ist überzeugt, dass der Markt einen Punkt erreicht hat, an dem das bloße Hinzufügen weiterer Netzwerke kaum noch etwas verändert.

„Es gibt bereits mehr Blockchains, als die Welt sinnvoll nutzen kann, während der grenzüberschreitende Versand eines Dollars noch immer Tage dauert und viel zu teuer ist.“

Der Bedarf an besseren Zahlungslösungen bestand laut Boiron schon lange vor Krypto. Die zentrale Herausforderung besteht heute nicht darin, einen Token an sich zu bewegen, sondern Onchain-Geld mit dem traditionellen Bankensystem zu verbinden.

Dafür sieht Polygon den Open Money Stack vor: eine Infrastruktur, die Wallets, Compliance, öffentliche Blockchains und Verbindungen zum Fiat-Bankensystem zusammenführen soll.

„Einen Token zu bewegen ist einfach. Einen Token in Form von Onchain-Geld so zu bewegen, dass er im Umgang mit traditionellem Geld nützlich ist, ist hingegen schwierig.“

Warum Polygon Coinme übernehmen will

Anfang 2026 vereinbarte Polygon Labs die Übernahme des US-Unternehmens Coinme. Der Deal wartet noch auf die behördliche Genehmigung, daher bewertet Boiron ihn vor allem im Hinblick auf sein zukünftiges Potenzial.

Coinmes wichtigster Vermögenswert sind die Lizenzen und der Zugang zum traditionellen US-Finanzsystem. Boiron zufolge lässt sich Technologie relativ schnell entwickeln, während es deutlich länger dauert, die erforderlichen Genehmigungen für den Umgang mit dem Geld der Menschen zu erhalten.

„Besseren Code kann man in wenigen Monaten schreiben, aber es dauert Jahre, die Lizenzen zu erhalten, die es einem erlauben, auf die Dollars anderer Menschen zuzugreifen.“

Für Polygon bedeutet der Deal vor allem, dass diese Infrastruktur nicht von Grund auf neu aufgebaut werden müsste. Das Unternehmen könnte seine eigene Blockchain-Technologie mit den bestehenden Verbindungen von Coinme zum Bankensystem kombinieren.

„Jede Onchain-Zahlung muss letztlich auf dem Bankkonto einer Person eingehen, und Coinme hat Jahre damit verbracht, lizenzierte Verbindungen zum US-Finanzsystem aufzubauen.“

Tokenisierung beginnt mit Geld

Die Tokenisierung von Aktien, Anleihen und Immobilien ist zu einem der meistdiskutierten Themen der Branche geworden. Boiron ist jedoch überzeugt, dass sich der Markt schrittweise entwickeln wird und die Tokenisierung allein nicht automatisch Nachfrage nach einem Vermögenswert schafft.

„Ein Gebäude auf eine Blockchain zu setzen, schafft in der Praxis keinen einzigen neuen Käufer für dieses Gebäude. Bei einigen Vermögenswerten wie Aktien könnte dies jedoch den Zugang für Käufer in neuen Märkten erweitern, die sonst keinen Zugang dazu hätten.“

Bei einigen Vermögenswerten wie Aktien könnte die Tokenisierung Anlegern in Ländern und Regionen, in denen traditionelle Märkte weiterhin schwer zugänglich sind, einen besseren Zugang ermöglichen.

Boiron ist der Ansicht, dass Geld durch Stablecoins bereits die erste Phase der Tokenisierung durchlaufen hat. Der nächste Schritt könnte Instrumente betreffen, bei denen eine schnelle Abwicklung und die Möglichkeit, Vermögenswerte als Sicherheiten zu verwenden, besonders wichtig sind.

„Stablecoins und tokenisierte Geldmarktfonds funktionieren, weil Institutionen jederzeit verfügbares Bargeld und Sicherheiten benötigen. Tokenisierte Wertpapiere werden deutlich nützlicher, sobald sie gleichzeitig gegen tokenisierte Dollar abgewickelt werden können.“

Blockchain sollte für Nutzer unsichtbar werden

Komplexe Wallets, verschiedene Netzwerke und Transaktionsgebühren zählen weiterhin zu den größten Hindernissen für eine breite Akzeptanz von Krypto. Boiron ist jedoch der Ansicht, dass Nutzer diese Infrastruktur nicht verstehen müssen sollten.

Er zieht einen Vergleich zum Bankensystem, in dem die meisten Menschen nicht wissen, wie Zahlungen tatsächlich zwischen Banken übertragen werden.

„Niemand denkt über das ACH-System nach, wenn er seine Miete bezahlt, und niemand sollte über eine Blockchain nachdenken müssen, wenn er Geld nach Hause überweist.“

Boiron zufolge sollte dasselbe Prinzip auch für Blockchain-Technologie innerhalb vertrauter Finanzdienstleistungen gelten.

„Die beste Blockchain-Zahlungserfahrung wird wie eine gewöhnliche Banking-App aussehen, denn in den meisten Fällen wird sie genau das sein.“

Boiron vergleicht dies mit dem Internet: Milliarden Menschen nutzen E-Mail und kaufen online ein, ohne die Protokolle zu verstehen, die diese Dienste ermöglichen.

Bitcoin und Stablecoins haben unterschiedliche Rollen übernommen

Bitcoin wird häufig als zukünftige Geldform beschrieben, in der Praxis wird er inzwischen jedoch weit häufiger als Wertaufbewahrungsmittel genutzt. Boiron ist der Ansicht, dass sich diese Rolle weitgehend etabliert hat.

„Bitcoin ist der Vermögenswert, den die Menschen halten, und inzwischen als digitales Gold bekannt. Stablecoins sind das Geld, das die Menschen bewegen.“

Bitcoins größte Schwäche als Zahlungsmittel ist seine Volatilität. Der Wert eines Kaufs kann sich innerhalb kurzer Zeit stark verändern. Deshalb bevorzugen Nutzer für alltägliche Ausgaben meist an den Dollar oder Euro gekoppelte Vermögenswerte.

Stablecoins sind dagegen bereits besonders nützlich in Regionen, in denen traditionelle grenzüberschreitende Überweisungen weiterhin teuer oder langsam sind.

„Blockchain-Geld ist für einen Freelancer in Lagos, der von einem Kunden in London bezahlt wird, bereits Alltagsgeld. Der Rest der Welt wird über die Banken dorthin gelangen, die er bereits nutzt, sobald diese Stablecoin-Schienen in ihre Produkte integrieren.“

Die nächste Phase wird seiner Ansicht nach nicht darin bestehen, dass Menschen massenhaft zu eigenständigen Krypto-Wallets wechseln. Vielmehr werden Banken beginnen, Stablecoins in ihren bestehenden Produkten einzusetzen.

KI-Agenten könnten auf Stablecoins umsteigen

Ein weiterer Bereich, in dem Blockchain praktischen Nutzen finden könnte, sind KI-Agenten. Solche Systeme können bereits eigenständig Dienstleistungen, Rechenleistung und Daten bezahlen, während die traditionelle Zahlungsinfrastruktur in erster Linie für Menschen entwickelt wurde.

Boiron glaubt, dass daraus eine neue Nachfragequelle für Stablecoins entstehen könnte.

„Die dauerhafteste Konvergenz wird im Zahlungsverkehr stattfinden, wobei Stablecoins zum Geld werden, das KI-Agenten für Transaktionen verwenden.“

KI-Agenten können rund um die Uhr eine große Zahl von Transaktionen ausführen, während Kartennetzwerke häufig auf Batch-Abwicklung setzen und auf normale menschliche Kaufmuster ausgelegt sind.

„Ein Agent, der rund um die Uhr für Rechenleistung und Daten bezahlt, benötigt jederzeit verfügbare Mittel und Zahlungen in Echtzeit. Stablecoins bieten beides.“

Gleichzeitig glaubt Boiron nicht, dass jedes Krypto-Unternehmen, das KI in sein Produkt integriert, etwas wirklich Neues schafft. Er sieht Parallelen zur früheren Welle des Blockchain-Hypes.

„Was Krypto-Unternehmen betrifft, die KI hinzufügen: Viele hängen sie ihrem Namen an, wie andere früher Blockchain angehängt haben. Der Wert wird jedoch denjenigen zufließen, die einen echten Bedarf haben, Geld zu bewegen.“

Letztlich sieht Boiron die nächste Entwicklungsphase der Blockchain nicht in der Schaffung weiterer Netzwerke, sondern darin, wie nahtlos die Technologie Teil vertrauter Finanzdienstleistungen werden kann. Zahlungen, Stablecoins und Transaktionen mit KI-Agenten sind seiner Ansicht nach Bereiche, in denen dieser Übergang bereits beginnt.

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