Zwischen Rekord und Blase: Wie Anthropic seinen Börsengang angeht

Zwischen Rekord und Blase: Wie Anthropic seinen Börsengang angeht
Welche Folgen könnte Anthropics Börsengang haben?

​Anthropic bereitet einen Börsengang vor, der zu den größten der Geschichte zählen könnte. Die Erwartungen der Anleger an das Unternehmen hinter Claude sind hoch. Doch hinter dem rasanten Erfolg verbergen sich Risiken, die die Sicht des Marktes auf die gesamte KI-Branche verändern könnten.

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

Von Millionen zu Milliarden

Am 26. Oktober reichte Anthropic seine IPO-Registrierung bei der US-Börsenaufsicht (SEC) ein. Das Unternehmen plant, seine Aktien unter dem Tickersymbol ANT an der Nasdaq zu notieren. Vorläufigen Schätzungen zufolge könnte Anthropic mit 1,5 bis 2 Billionen Dollar bewertet werden, wobei die endgültigen Angebotsbedingungen noch nicht feststehen.

Die Finanzergebnisse des Unternehmens helfen, diese hohen Erwartungen zu erklären. 2024 erzielte Anthropic lediglich 386 Millionen Dollar Umsatz, 2025 waren es bereits 4,6 Milliarden Dollar und im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 16,3 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Anstieg um fast das 14-Fache gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Mehr als 11.900 Unternehmenskunden geben jährlich mindestens 100.000 Dollar für die Produkte des Unternehmens aus, rund 250 davon jeweils mehr als 10 Millionen Dollar. Einer der wichtigsten Wachstumstreiber ist Claude Code, ein Tool, mit dem Unternehmen Softwarecode schreiben und die Entwicklung automatisieren.

Das rasante Wachstum ging jedoch mit enormen Verlusten einher. Im ersten Halbjahr 2026 meldete Anthropic einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar, wovon 72,4 Milliarden Dollar auf nicht zahlungswirksame bilanzielle Anpassungen entfielen, vor allem im Zusammenhang mit der Neubewertung finanzieller Verbindlichkeiten. Der operative Verlust im Sechsmonatszeitraum verringerte sich unterdessen auf 693 Millionen Dollar, nach 2,1 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum.

Trotz der verbesserten Geschäftsentwicklung bleibt die erwartete Bewertung von Anthropic extrem hoch. Bei 1,5 bis 2 Billionen Dollar entspräche sie etwa dem 33- bis 43-Fachen des annualisierten Umsatzes auf Basis der Ergebnisse des zweiten Quartals 2026. Das liegt deutlich über den vergleichbaren Bewertungsmultiplikatoren von Technologieriesen wie Nvidia, Microsoft und Alphabet.

Der Preis der Führungsposition

Die Entwicklung fortschrittlicher KI-Modelle erfordert enorme Rechenkapazitäten. Laut den IPO-Unterlagen ist Anthropic langfristige Verpflichtungen in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar für Cloud-Dienste und Infrastruktur eingegangen. Konkret plant das Unternehmen, bis 2036 mindestens 110 Milliarden Dollar für Amazon-Dienste, 115 Milliarden Dollar für die Infrastruktur von Google und bis 2033 weitere 45 Milliarden Dollar für Rechenkapazitäten von Microsoft auszugeben.

Darüber hinaus hat Anthropic mit SpaceX eine Vereinbarung über 120 Milliarden Dollar geschlossen, die bis 2029 läuft. Die Gesamtverpflichtungen gegenüber Technologiepartnern belaufen sich auf mehr als 500 Milliarden Dollar. Dabei handelt es sich nicht um einmalige Ausgaben, sondern um mehrjährige Verträge, deren Bedingungen von der Verfügbarkeit von Rechenkapazitäten und anderen Faktoren abhängen.

Ein besonderes Merkmal des Geschäftsmodells von Anthropic ist die enge Zusammenarbeit mit großen Technologiekonzernen. Amazon, Google und Microsoft stellen dem Unternehmen nicht nur Infrastruktur bereit, sondern investieren auch in seine Entwicklung. Zudem entfielen im ersten Halbjahr 2026 rund 48 % des Anthropic-Umsatzes auf die Cloud-Plattformen seiner Partner, über die diese ihren eigenen Kunden Zugang zu Claude verkaufen.

Am Rande einer neuen Blase

Anthropics Schritt an den öffentlichen Kapitalmarkt erfolgt inmitten wachsender Zweifel an den Aussichten der KI-Branche. Im Oktober verloren die Aktien der Rechenzentrumsbetreiber CoreWeave und Nebius mehr als 30 % an Wert. Das australische Unternehmen Firmus und Solidigm, eine Tochtergesellschaft von SK Hynix, zogen ihre geplanten Börsengänge zurück. Anleger sorgen sich zunehmend, ob Technologieunternehmen ihre enormen Infrastrukturinvestitionen wieder einspielen können.

Jai Das, Partner bei der Venture-Capital-Gesellschaft Sapphire Ventures, verglich die aktuelle Begeisterung mit dem Telekommunikationsboom der späten 1990er-Jahre. Damals investierten Unternehmen massiv in den Ausbau von Glasfasernetzen und setzten auf ein rasantes Wachstum des Internetverkehrs. Die Infrastruktur erwies sich letztlich als nützlich, doch viele Anleger verloren Geld und einige Unternehmen gingen pleite.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist das nachlassende Wachstum von Anthropic. Laut The Information stieg der Umsatz des Unternehmens im dritten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um 45 %, verglichen mit einem Wachstum von mehr als 140 % im zweiten Quartal. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb durch OpenAI, Google und Anbieter günstigerer KI-Modelle, was Anthropic möglicherweise zu Preissenkungen zwingen könnte.

Der Ausgang des Börsengangs könnte sich auch auf die Pläne der Wettbewerber auswirken. OpenAI bereitet einen eigenen Börsengang vor, der für 2027 erwartet wird. Brad Bernstein, Managing Partner bei FTV Capital, warnte, eine schwache Kursentwicklung der Anthropic-Aktie könnte eine Neubewertung anderer KI-Unternehmen auslösen. SpaceX wiederum, das bei seinem rekordverdächtigen Börsengang im Juni mehrere Dutzend Milliarden Dollar einnahm, zeigt, dass das Volumen eines Börsengangs keine anschließenden Kursgewinne garantiert: Ende Oktober notierte die Aktie leicht unter ihrem Eröffnungskurs vom ersten Handelstag.

Erfolg oder Enttäuschung

Das rasante Umsatzwachstum von Anthropic bestätigt die starke Nachfrage nach seinen Produkten, garantiert aber noch keine nachhaltige Rentabilität. Sollte die Nachfrage von Unternehmenskunden nachlassen oder der Wettbewerb die Preise drücken, könnten die mehrjährigen Verpflichtungen gegenüber Anbietern von Recheninfrastruktur zu einer erheblichen finanziellen Belastung werden.

Selbst ein erfolgreicher Börsengang würde weitere Kursgewinne der Anthropic-Aktie nicht garantieren. Eine Bewertung von 1,5 bis 2 Billionen Dollar setzt bereits voraus, dass das Unternehmen über Jahre hinweg hohe Wachstumsraten aufrechterhält. Schon eine geringfügige Abweichung von den Erwartungen könnte Anleger enttäuschen und eine Neubewertung anderer KI-Unternehmen, darunter OpenAI, nach sich ziehen.

Dieses Material kann Meinungen Dritter enthalten, keine der Daten und Informationen auf dieser Webseite stellt eine Anlageberatung gemäß unserem Haftungsausschluss dar. Obwohl wir uns an strikte redaktionelle Integrität halten, kann dieser Beitrag Verweise auf Produkte unserer Partner enthalten.