Der Tweet wurde vom Autor gelöscht.
Aber wir haben alles gespeichert 🙂.
In den letzten Jahren haben sich Prognosemärkte zu einem beliebten Instrument entwickelt, um Wahlausgänge, Sportereignisse, Zentralbankentscheidungen und sogar geopolitische Konflikte einzuschätzen. Ihre Preise spiegeln die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse oft mit bemerkenswerter Genauigkeit wider. Doch warum verlieren die meisten Teilnehmer trotzdem Geld – und wer profitiert am Ende?
Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.
Auf Polymarket und Kalshi setzen Nutzer echtes Geld auf ihre Erwartungen. Wird ein Kontrakt zu 0,70 $ gehandelt, weist der Markt dem entsprechenden Ereignis effektiv eine Wahrscheinlichkeit von etwa 70 % zu. Tritt das Ereignis ein, erhält der Inhaber 1 $.
Hinter diesem einfachen Mechanismus verbirgt sich eine weitaus ungleichere Verteilung der Ergebnisse.
Laut einer Studie zum Polymarket-Handel zwischen 2022 und 2025 verzeichneten rund 71 % der Nutzer Nettoverluste, während das oberste 1 % der Händler etwa 95 % der Gesamtgewinne erzielte. Das schafft ein Paradoxon: Der Markt kann die Zukunft recht genau einschätzen, auch wenn die meisten Teilnehmer Geld verlieren.
Beitrag auf X ansehen Wird geladen...
Diese Konzentration stellt die gängige Vorstellung von Prognosemärkten als einfache Ausprägung der „Weisheit der Vielen“ infrage. Wenn Tausende gemeinsam ziemlich genaue Wahrscheinlichkeiten schätzen, warum gelingt es dann so wenigen, daraus Profit zu schlagen?
Ein Ereignis korrekt vorherzusagen und dessen Wahrscheinlichkeit richtig einzuschätzen, sind zwei verschiedene Aufgaben.
Angenommen, ein Händler glaubt, ein Kandidat habe eine 80%ige Siegchance bei einer Wahl. Wird der entsprechende Kontrakt zu 0,60 $ gehandelt, deutet diese Einschätzung auf eine potenziell attraktive Gelegenheit hin. Liegt der Preis jedoch bereits bei 0,90 $, macht selbst das Vertrauen in den Sieg des Kandidaten den Kauf nicht profitabel.
Entscheidend ist nicht nur das gewählte Ergebnis, sondern auch der Kontraktpreis im Verhältnis zur eigenen Wahrscheinlichkeitsabschätzung des Händlers.
Beitrag auf X ansehen Wird geladen...
Dieser Unterschied wird leicht übersehen, da Prognosemärkte einfach erscheinen: „Ja“ oder „Nein“, ein Kandidat gewinnt oder ein bestimmter Preis wird erreicht. Solche Strukturen verleiten Nutzer dazu, einen Trade als Wette auf ihre Meinung zu sehen, statt als Kauf zu einem bestimmten Preis.
Verhaltenspsychologische Verzerrungen verstärken diesen Effekt. Eine Untersuchung von 287 Kalshi -Kontrakten, die zwischen Juli 2021 und März 2026 an US-Arbeitslosenzahlen gekoppelt waren, ergab: Kontrakte mit Preisen unter 0,30 $ – also unwahrscheinliche Ereignisse – zahlten nur in etwa 4 % der Fälle aus und waren im Durchschnitt überbewertet.
Ein ähnliches Muster ist seit Langem in Wettmärkten zu beobachten: Menschen sind bereit, für eine geringe Chance auf einen hohen Gewinn zu viel zu bezahlen. Ein Kontrakt, der nur wenige Cent kostet, erscheint günstig, selbst wenn sein Preis im Verhältnis zur realistischen Eintrittswahrscheinlichkeit hoch ist.
Persönliche Überzeugungen sind eine weitere Fehlerquelle. Untersuchungen zu politischen Prognosemärkten zeigen, dass Teilnehmer eher Kontrakte auf Kandidaten und Parteien kaufen, die sie persönlich unterstützen. So kann jemand zwar den Wahlsieger korrekt vorhersagen, aber dennoch einen schlechten Trade machen, weil er für dieses Ergebnis zu viel bezahlt hat.
Die Gründe für diese ungleiche Gewinnverteilung werden deutlicher, wenn man das Verhalten der erfolgreichsten Teilnehmer betrachtet.
2026 analysierten Forscher der London Business School und der Yale University Transaktionen von 1,72 Millionen Polymarket-Konten. Die Autoren stuften etwa 3,14 % der Teilnehmer als durchgehend kompetent ein.
Diese kleine Gruppe spielte eine unverhältnismäßig große Rolle dabei, wie schnell neue Informationen in die Marktpreise einflossen.
Ihr Vorteil bestand nicht einfach im Zugang zu Insiderwissen. Diese Händler waren in verschiedenen Märkten erfolgreich, reagierten schneller auf öffentlich verfügbare Informationen und erkannten Diskrepanzen zwischen verwandten Kontrakten.
Eine weitere Studie analysierte 588 Millionen Polymarket-Trades mit einem Volumen von 67 Milliarden US-Dollar. Die profitabelsten 1 % der Nutzer erzielten 76,5 % des Gesamtgewinns.
Die Forscher stellten zudem Unterschiede im Handelsverhalten fest: Erfolgreiche Trader stellten häufiger Liquidität über Limit-Orders bereit, während verlustreiche Teilnehmer öfter bereits verfügbare Preise im Markt akzeptierten.
Darüber hinaus müssen professionelle Teilnehmer nicht immer die Zukunft vorhersagen. Sie können Inkonsistenzen zwischen verwandten Kontrakten erkennen und unabhängig vom Ausgang von Preisunterschieden profitieren.
Beitrag auf X ansehen Wird geladen...
In ausgereiften Märkten verschwinden solche Gelegenheiten schnell. Eine Studie zu 173 NBA-Spielmärkten auf Polymarket analysierte mehr als 75 Millionen Orderbuch-Zustände und identifizierte während der Spiele nur sieben ausführbare Fälle einfachen Arbitragehandels.
Die mittlere Dauer einer solchen Preisdifferenz betrug lediglich 3,6 Sekunden.
Ein Nutzer, der ein Ereignis manuell einschätzt, konkurriert daher möglicherweise nicht mit einer anderen Person, die dieselben Nachrichten liest, sondern mit professionellen Tradern und automatisierten Systemen.
Die klassische Vorstellung von der „Weisheit der Vielen“ geht davon aus, dass viele unabhängige Schätzungen gemeinsam ein genaueres Ergebnis liefern können.
Polymarket-Daten deuten jedoch auf einen etwas anderen Mechanismus hin. Ein großer Teil der Teilnehmer sorgt für eine Vielfalt an Meinungen und einen stetigen Handelsfluss, während eine kleine Gruppe systematisch gegen die daraus entstehenden Fehler handelt.
Forscher bezeichnen dies als die „Weisheit der informierten Minderheit“.
Fähige Accounts sagten sowohl kurzfristige Kursbewegungen als auch die endgültigen Ergebnisse der Kontrakte zuverlässig voraus. Gleichzeitig verursachten 67 % der als unerfahren oder glücklos eingestuften Accounts sämtliche aggregierten Verluste in der Stichprobe.
Jeder dieser Trades verteilt gleichzeitig Geld um und hilft, den Preis zu korrigieren. Ist ein Kontrakt überbewertet, verkaufen besser vorbereitete Teilnehmer ihn oder nehmen die Gegenposition ein. Ihre Handlungen verringern nach und nach die Lücke zwischen Marktpreis und verfügbaren Informationen.
Beitrag auf X ansehen Wird geladen...
Dadurch entsteht ein ungewöhnliches System: Ein Markt benötigt nicht, dass die Mehrheit seiner Teilnehmer gut darin ist, die Zukunft vorherzusagen. Es reicht, wenn eine relativ kleine Gruppe in der Lage ist, die Fehler anderer zu erkennen und motiviert ist, finanziell dagegen zu handeln.
Für einen gewöhnlichen Nutzer besteht das Problem daher nicht unbedingt in mangelndem Verständnis von Politik, Sport oder Wirtschaft. Er kann zwar den späteren Gewinner richtig identifizieren, zahlt aber möglicherweise zu viel für den Kontrakt, reagiert zu langsam auf Informationen oder wählt eine weniger effiziente Ausführungsart für den Handel.
Das ist der zentrale Widerspruch von Prognosemärkten. Das System als Ganzes kann genau bleiben, während die meisten Teilnehmer Geld verlieren, weil ihre Fehler Chancen für eine kleine Gruppe effizienterer Trader schaffen.
In diesem Sinne ist die „Weisheit der Vielen“ nicht die Summe gleich guter Vorhersagen. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass eine kleine Gruppe von Teilnehmern fortlaufend die Fehler der Mehrheit erkennt und korrigiert.