Pavlo Kot

Krypto ohne Menschen: Wie viel vom Markt kontrollieren Bots?

Krypto ohne Menschen: Wie viel vom Markt kontrollieren Bots?
Bots übernehmen eine immer größere Rolle im Kryptohandel

Früher konnte ein Trader sich einen Vorteil verschaffen, indem er Nachrichten schneller als andere sah und schneller auf einen Button klickte. Heute findet ein erheblicher Anteil des Handels mit Geschwindigkeiten statt, die menschliche Fähigkeiten übersteigen, und in manchen Kryptomärkten ist bereits mehr als die Hälfte des erfassten Volumens auf Arbitrage und andere automatisierte Strategien zurückzuführen – wie weit ist die Automatisierung also bereits fortgeschritten?

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

Die Geschichte begann lange vor Bitcoin. Ende der 2000er Jahre begann an der Wall Street ein technologisches Wettrüsten, bei dem Millisekunden plötzlich hunderte Millionen Dollar wert waren und Server so nah wie möglich an den Börsen platziert wurden.

Der Kryptomarkt übernahm dieses Modell nahezu eins zu eins, ging aber noch weiter: Die Blockchain ermöglicht es Software nicht nur, den Markt zu analysieren, sondern auch Transaktionen eigenständig auszuführen.

Drei Millisekunden für 300 Millionen Dollar

2010 schloss Spread Networks den Bau einer nahezu geraden Glasfaserleitung zwischen Chicago und New York ab. Das rund 300 Millionen Dollar teure Projekt reduzierte die Signal-Latenzzeit für eine Hin- und Rückübertragung von etwa 16 auf 13 Millisekunden.

Für einen Menschen ist dieser Unterschied nicht wahrnehmbar. Für eine High-Frequency-Trading-Firma reichte er jedoch aus, um eine Preisänderung an einem Handelsplatz vor einem Konkurrenten zu erkennen und sie an anderer Stelle auszunutzen.

Das Wettrennen ging weiter: Firmen platzierten Server direkt neben den Börsen, optimierten ihren Code und wechselten zu Mikrowellenverbindungen. Dadurch wurde eine immer größere Zahl von Trades mit Geschwindigkeiten ausgeführt, bei denen Menschen nicht mehr direkt mit Algorithmen konkurrieren konnten.

2010 schätzte die US-Börsenaufsicht SEC, dass High-Frequency-Trading-Firmen für mehr als 50 % des US-Aktienhandelsvolumens verantwortlich waren. Während des Flash Crashs im selben Jahr entfielen auf nur 17 solcher Teilnehmer 40–50 % des Dollar-Handelsvolumens.

High-Frequency-Trading wurde nicht als alleinige Ursache des Crashs identifiziert, aber das Ereignis zeigte eine neue Realität: Innerhalb von Minuten konnte der Markt in eine Kette von Interaktionen zwischen Algorithmen geraten, die Menschen in Echtzeit nicht mehr kontrollieren konnten.

Krypto wurde für Maschinen gebaut

Bitcoin entstand gerade zu dem Zeitpunkt, als der automatisierte Handel an Fahrt aufnahm. Elektronische Orderbücher, Programmierschnittstellen und algorithmische Strategien wurden fast von Anfang an Teil der Kryptoindustrie.

Hier verschafften sich Maschinen zusätzliche Vorteile. Der Handel läuft rund um die Uhr, derselbe Vermögenswert wird an Dutzenden von Handelsplätzen gehandelt, und Preisunterschiede zwischen ihnen schaffen ständig Chancen für Arbitrage-Algorithmen.

Ein Bot kann mehrere Märkte gleichzeitig überwachen und beide Seiten eines Handels schneller ausführen als ein Mensch.

Den Gesamtanteil solcher Aktivitäten zu bestimmen, ist unmöglich. Zentrale Börsen geben nicht an, ob eine Order von einer Person oder einem Algorithmus stammt. Auf Blockchains hingegen ist Automatisierung viel leichter zu beobachten.

Im August 2026 analysierte ClearTrace 7,13 Milliarden US-Dollar an erfasstem wöchentlichem DEX-Volumen auf Base. MEV – das Erzielen zusätzlicher Gewinne durch die Reihenfolge von Transaktionen – und Arbitrage machten 55,96 % des Volumens aus.

Weitere 9,29 % des Volumens konnten zunächst überhaupt nicht zugeordnet werden. Nach weiterer Analyse identifizierten die Forscher einige Verträge, darunter MEV- und Arbitrage-Infrastruktur.

Es blieben 590 Millionen US-Dollar oder 8,28 % des erfassten Volumens ohne Zuordnung.

Die Zahl von 55,96 % lässt sich nicht auf den gesamten Kryptomarkt übertragen, da sie nur das von ClearTrace erfasste Base -DEX-Volumen einer einzigen Woche abdeckt. Sie zeigt jedoch deutlich, wie maschinengesteuert manche Teile des Handels geworden sind, wenn Blockchain-Daten einen Einblick von innen ermöglichen.

Wenn ein Bot Ihren Handel zuerst sieht

Im DeFi -Bereich erhielten Algorithmen eine Fähigkeit, die traditionelle High-Frequency-Trader nicht hatten: Sie konnten die Transaktion eines Nutzers sehen, bevor sie ausgeführt wurde, und versuchen, davon zu profitieren, indem sie ihre eigene Transaktion davor oder danach platzieren.

So funktioniert MEV – zusätzlicher Gewinn, der durch Kontrolle oder Ausnutzung der Transaktionsreihenfolge erzielt werden kann. Das einfachste Beispiel ist Arbitrage. Wenn Ethereum auf zwei DEXs zu unterschiedlichen Preisen gehandelt wird, kauft ein Bot dort, wo es günstiger ist, und verkauft es fast gleichzeitig dort, wo es teurer ist.

Ein weiteres Beispiel sind Liquidationen. Programme überwachen kontinuierlich die Positionen von Kreditnehmern und versuchen, diese zu liquidieren, sobald deren Sicherheiten nicht mehr ausreichen.

Doch Automatisierung kann auch gegen Nutzer arbeiten. Bei einem Sandwich-Angriff erkennt ein Bot einen großen Kauf, kauft den Vermögenswert davor, wartet, bis die Transaktion des Nutzers den Preis nach oben treibt, und verkauft dann zu einem höheren Preis.

Genau deshalb hätte das Entfernen von Bots aus DeFi Konsequenzen. Arbitrage beseitigt Preisunterschiede zwischen Handelsplätzen, während automatisierte Liquidatoren zur Stabilität von Kreditprotokollen beitragen. Dieselben Maschinen, die die Ausführung eines einzelnen Handels verschlechtern können, helfen auch, das Gesamtsystem am Laufen zu halten.

Die nächste Stufe: KI-Agenten

Ein Bot und ein KI-Agent sind noch nicht dasselbe. Die meisten Handelsalgorithmen führen einfach von Menschen vordefinierte Logik aus: Preisdifferenz finden, Gebühren prüfen und den Handel ausführen.

Ein KI-Agent kann noch weiter gehen. Er kann mehrere Datenquellen analysieren, eine Strategie wählen und eine Abfolge von Aktionen durchführen, ohne für jeden Schritt einen separaten menschlichen Befehl zu benötigen.

In einer Studie aus dem Jahr 2026 untersuchten Forscher 306 große Krypto-KI-Agenten. Etwa 13 % spezialisierten sich hauptsächlich auf Handel und Analytik, während mit ihnen verbundene Projekte 21,9 % der gesamten Marktkapitalisierung der Stichprobe ausmachten – etwa 1,89 Milliarden US-Dollar.

Doch es ist noch zu früh, um von einer Übernahme des Marktes durch Maschinen zu sprechen. Viele als Agenten bezeichnete Projekte basieren weiterhin auf herkömmlichen Programmierschnittstellen und benötigen menschliche Aufsicht. Daher bleibt das wahre Ausmaß des vollautonomen Handels schwer zu messen.

Experimente deuten jedoch darauf hin, wohin sich der Markt entwickeln könnte. In einer Studie wurde ein autonomer KI-Händler durchgehend zum besten Marktteilnehmer, während das Vermögen menschlicher Teilnehmer in seiner Anwesenheit abnahm.

Gleichzeitig wurde der Markt selbst dadurch nicht wesentlich effizienter.

Dies ist die nächste Stufe der Automatisierung. Beim High-Frequency-Trading überließen Menschen den Maschinen die Ausführungsgeschwindigkeit. Mit Krypto-Bots gaben sie die kontinuierliche Marktüberwachung ab. Mit KI-Agenten beginnen sie nun schrittweise, auch die Entscheidung, was zu tun ist, zu übergeben.

Es gibt keine einzige Zahl, die zeigt, welchen Anteil des Kryptomarktes Bots heute kontrollieren. Auf zentralisierten Plattformen lassen sich menschliche und maschinelle Trades nicht trennen, und die 55,96 %-Zahl von Base gilt nur für ein bestimmtes Segment.

Doch Automatisierung ist längst nicht mehr nur eine weitere Handelsstrategie. Sie ist Teil der Marktinfrastruktur geworden.

Menschen setzen weiterhin Ziele, bestimmen Risiken und stellen Kapital bereit. Aber der direkte Wettbewerb um die Ausführung findet zunehmend zwischen Programmen und mit Geschwindigkeiten statt, bei denen Menschen schon lange keine ernstzunehmenden Konkurrenten mehr sind.

Ein Kryptomarkt ohne Menschen bleibt eine Übertreibung. Aber ein Markt, in dem Menschen das Ziel vorgeben, während Maschinen immer mehr darüber entscheiden, wie und wann es erreicht wird, existiert bereits.

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