UniCredit erhält wohl EZB-Freigabe für Kontrolle über Commerzbank
Im Ringen um die Commerzbank nähert sich die geplante Kontrollübernahme durch UniCredit offenbar einer entscheidenden regulatorischen Etappe. Ein vertrauliches Dokument zeigt, dass die Europäische Zentralbank nach vorläufiger Einschätzung keinen Grund für eine Untersagung sieht, obwohl deutsche Aufseher deutliche Einwände formulieren.
Das Wichtigste
- Die Europäische Zentralbank sieht nach vorläufiger Prüfung keinen Grund, einen Kontrollerwerb der Commerzbank durch UniCredit zu untersagen, nachdem UniCredit bereits 48 Prozent der Anteile hält.
- BaFin und EZB kritisieren UniCredits aggressives, intransparentes Vorgehen sowie unzureichende Integrations- und Kontrollpläne, fordern aber vorerst kein Verbot der Übernahme.
- Die endgültige EZB-Entscheidung soll im September oder Oktober fallen, womit die Übernahme ein zentraler Test für grenzüberschreitende Bankenkonsolidierung in Europa bleibt.
Vorläufige EZB-Prüfung und offene Auflagen
Wie Bild unter Berufung auf Reuters berichtet, kommt die Europäische Zentralbank vorläufig zu dem Schluss, dass es „keinen Grund zur Ablehnung“ der Kontrollübernahme gibt. Damit könnte UniCredit die größte regulatorische Hürde auf dem Weg zu einer Übernahme der Commerzbank nehmen, nachdem sich das Institut über ein Aktientauschangebot bereits 48 Prozent der Anteile gesichert hat.Bei einer Sitzung des EZB-Aufsichtsgremiums im Juni übt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht laut dem Dokument deutliche Kritik am Vorgehen von UniCredit. Im Mittelpunkt stehen demnach ein „aggressives und teilweise intransparentes“ Vorgehen während des monatelangen Tauziehens sowie die Forderung, eine glaubwürdige Strategie zur Wiederherstellung des beschädigten Vertrauens vorzulegen.
Die EZB teilt die Bedenken der BaFin dem Bericht zufolge weitgehend, sieht darin nach vorläufiger Einschätzung aber keinen ausreichenden Grund für ein Verbot. Als zentrale Risiken gelten die Größe und Komplexität der Commerzbank, kulturelle Unterschiede zwischen beiden Instituten und die Spannungen nach dem als feindlich wahrgenommenen Übernahmeversuch. Zudem sind die bisherigen Integrationspläne von UniCredit gemessen an diesen Risiken noch nicht detailliert genug.
Folgen für Führung und Bankenmarkt
Auch innerhalb von UniCredit sehen die Aufseher weitere Baustellen. Bereits zuvor beanstanden sie unzureichende interne Kontrollmechanismen, während die Entscheidungsbefugnisse von Vorstandschef Andrea Orcel bei Fusionen und Übernahmen seit seinem Amtsantritt 2021 deutlich ausgeweitet werden.Inzwischen verlangt der Verwaltungsrat wieder häufigere Informationen zu solchen Vorhaben, was Orcel laut dem Bericht als zeitraubend ansieht. Das vertrauliche Papier wird im Juni im EZB-Aufsichtsgremium beraten, die endgültige Prüfung soll im September oder Oktober erfolgen. Sprecher von EZB, UniCredit und BaFin wollen sich zu den Informationen nicht äußern.
Für den deutschen Bankenmarkt bleibt der Fall damit ein zentraler Test für die grenzüberschreitende Konsolidierung in Europa. Sollte die EZB die Kontrolle genehmigen, würde der Widerstand aus Deutschland zwar nicht verschwinden, die formale Umsetzung einer Übernahme rückte aber deutlich näher.
Unsere frühere Meldung zur kartellrechtlichen Bewertung der 50+1-Regel im deutschen Profifußball zeigte, dass das Bundeskartellamt die Regel grundsätzlich für zulässig hält, sie aber an eine konsequente, einheitliche und sachlich begründete Anwendung knüpft. Zugleich machte die Behörde deutlich, dass eine Freigabe nicht das Ende der Aufsicht bedeutet, sondern den Druck erhöht, Vorgaben rechtssicher umzusetzen und Transparenz sowie Mitbestimmung zu gewährleisten.
- Forex
- Crypto