Pavlo Kot

IPO ohne Wall Street: Kann die Blockchain die Börse ersetzen?

IPO ohne Wall Street: Kann die Blockchain die Börse ersetzen?
Kann die Blockchain IPOs über die Wall Street hinaus verlagern?

Binance-Gründer Changpeng Zhao glaubt, dass Börsengänge letztlich onchain stattfinden werden. Tokenisierte Wertpapiere ermöglichen bereits Handel außerhalb der regulären Börsenzeiten, doch den IPO selbst onchain durchzuführen, ist weitaus komplizierter – wie realistisch ist diese Idee?

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

Die Unterscheidung zwischen beiden ist grundlegend. Die meisten tokenisierten Aktien bringen heute lediglich den Handel eines bestehenden Wertpapiers auf die Blockchain, während ein IPO früher beginnt – indem ein Unternehmen Eigenkapital ausgibt, Aktien verteilt und Anlegern gesetzliche Rechte einräumt.

Die technologische Infrastruktur für die Ausgabe und Erfassung von Aktien existiert bereits. Bisher verändert sie jedoch den Handel mit bestehenden Vermögenswerten deutlich schneller als den Prozess, über den Unternehmen Kapital aufnehmen.

Tokenisierte Aktien gewinnen an Dynamik

Der Markt wächst rasch. Im zweiten Quartal 2026 erreichte das Handelsvolumen tokenisierter Aktien auf dezentralen Plattformen auf Solana rund 5,8 Milliarden $. Im Juli stieg das monatliche Gesamtvolumen solcher Instrumente auf etwa 11,3 Milliarden $, wobei die bStocks-Produkte von Binance rund 9,4 Milliarden $ ausmachten.

Fast das gesamte bStocks-Volumen entfiel jedoch auf ein einziges Instrument – einen tokenisierten QQQ-Fonds –, was bedeutet, dass das Marktwachstum weiterhin stark konzentriert ist.

Der Hauptvorteil dieser Instrumente liegt darin, dass sie leicht verständlich sind. Anleger können über Krypto-Infrastruktur am Kurs von Nvidia, Tesla oder einer anderen US-Aktie partizipieren und handeln, wenn traditionelle Aktienbörsen geschlossen sind.

Die Nachfrage nach Handel außerhalb der regulären Börsenzeiten ist bereits erkennbar.

Laut Binance Research entfielen in der Woche bis zum 28. Juli rund 92 % des Onchain-Volumens von bStocks auf Zeiten außerhalb der regulären Handelszeiten des US-Aktienmarkts. Absolut gesehen bleibt der Markt jedoch klein: Der Handel mit diesen Token entsprach rund 0,3 % des Volumens ihrer jeweiligen zugrunde liegenden Aktien und börsengehandelten Fonds.

Hier zeigt sich die erste Einschränkung von CZs Prognose.

bStocks bedeutet nicht, dass Nvidia oder Tesla Aktien auf der BNB Chain ausgegeben haben. Die Plattform wird von einer mit Binance verbundenen Einheit betrieben, während die den Token zugrunde liegenden Wertpapiere von einem regulierten Verwahrer gehalten werden. Inhaber erhalten ein wirtschaftliches Engagement in der Aktie, besitzen das zugrunde liegende Wertpapier jedoch nicht direkt.

Robinhood verwendet in Europa ein ähnliches Modell. Auch seine tokenisierten Aktien bilden den Preis einer zugrunde liegenden Aktie ab, rechtlich stellen sie jedoch einen Vertrag zwischen dem Kunden und dem Unternehmen dar und keinen Eigentumsnachweis an der tatsächlichen Aktie.

Eine Aktie ist mehr als ein Kurs auf einem Bildschirm]

Das Problem wird deutlicher, wenn

 man die Anlegerrechte betrachtet. Eine echte Aktie bietet mehr als nur die Möglichkeit, von Kurssteigerungen zu profitieren: Sie kann auch Stimmrechte, Dividenden, die Teilnahme an Kapitalmaßnahmen und bestimmte Ansprüche gegenüber dem Unternehmen beinhalten.

Viele heute verfügbare tokenisierte Produkte gewähren diese Rechte nicht. Kraken erklärt ausdrücklich, dass Inhaber von xStocks weder die zugrunde liegenden Wertpapiere besitzen noch Stimmrechte oder Ansprüche auf die Vermögenswerte des Unternehmens erhalten. Robinhood macht für seine Token ähnliche Angaben.

Hier können Konflikte entstehen. OpenAI erklärte zuvor, dass es keine Partnerschaft mit Robinhood zu Token eingegangen sei, die an seine Aktien gekoppelt sind, und das Produkt nicht genehmigt habe. Der Besitz eines solchen Instruments verleiht einem Anleger keine Rechte an tatsächlichen Aktien des Unternehmens.

Das reicht für einen echten Onchain-IPO nicht aus. Nimmt ein Unternehmen über Blockchain-Infrastruktur neues Kapital auf, muss der Onchain-Eintrag mehr leisten, als den Preis eines Wertpapiers nachzubilden – er muss rechtlich das Eigentum an einer Beteiligung am Unternehmen repräsentieren.

Exodus bietet ein Zwischenmodell. Das börsennotierte US-Unternehmen beteiligt sich an der Tokenisierung seiner eigenen Class-A-Aktien auf Solana und Algorand. Eigentumsregister werden von einem registrierten Transfer Agent geführt, während Anleger die unternehmensrechtlichen und wirtschaftlichen Rechte tatsächlicher Aktionäre behalten.

Figure ist noch weiter gegangen. Im Februar gab das Unternehmen FGRS aus – seine eigenen bei der SEC registrierten Stammaktien, direkt auf einer Blockchain über das On-Chain Public Equity Network.

Anders als ein Token, der auf ein bei einem traditionellen Verwahrer gehaltenes Wertpapier aufgesetzt wird, existiert FGRS von Anfang an als auf einer Blockchain registrierte Aktie.

Solche Strukturen zeigen, dass eine vollwertige öffentliche Aktie bereits direkt onchain existieren kann. Doch ein IPO wirft die nächste Frage auf: Kann nicht nur das Wertpapier selbst, sondern auch der Prozess der erstmaligen Kapitalaufnahme auf die Blockchain verlagert werden?

Was die Blockchain bei einem IPO tatsächlich überflüssig machen kann

Selbst wenn eine Aktie zu einem vollwertigen Onchain-Asset wird, verwandelt sich ein IPO nicht in einen einzigen Smart Contract. Bevor ein Unternehmen an die Börse geht, durchläuft es Prüfungen, legt Finanzinformationen offen, bereitet regulatorische Unterlagen vor und arbeitet mit Investmentbanken zusammen, um die Nachfrage zu bewerten und den Emissionspreis festzulegen.

Hier werden die Grenzen der Blockchain deutlich. Sie kann die technische Seite des Prozesses verändern – Eigentumsregister, Wertpapierübertragungen, Abwicklung und den anschließenden Handel. Doch die Technologie selbst kann weder die Jahresabschlüsse eines Unternehmens prüfen noch Investoren finden oder einen fairen Emissionspreis bestimmen.

Dennoch gibt es einen wirtschaftlichen Anreiz für Veränderungen. Bei einem traditionellen US-IPO beliefen sich die Underwriting-Gebühren in der Vergangenheit auf rund 7 % des aufgenommenen Kapitals, zuzüglich Rechts-, Prüfungs- und sonstiger Kosten.

Ein erheblicher Teil dieser Gebühr entfällt jedoch auf andere Funktionen als die technische Übertragung von Aktien, darunter die Suche nach Käufern, die Bewertung der Nachfrage und die Organisation des Angebots selbst. Die Blockchain beseitigt diese Funktionen nicht automatisch.

Offensichtlichere Einsparungen könnten nach dem Angebot entstehen. Die Blockchain kann Teile der Intermediärskette verkürzen, Eigentumsregister und Asset-Transfers in einer einzigen Infrastruktur bündeln und die Abwicklung beschleunigen. Märkte könnten zudem über die traditionellen Handelszeiten hinaus operieren.

Der Vorteil ist jedoch nicht mehr so radikal wie noch vor einigen Jahren. Der US-Aktienmarkt ist auf die T+1-Abwicklung umgestellt worden – den nächsten Geschäftstag nach einem Handel. Die Blockchain konkurriert daher nicht mit einem System, dessen Abwicklung mehrere Tage dauert, sondern mit einem, das bereits schneller wird.

Wer wird den Markt letztlich onchain verlagern?

Die interessantesten Entwicklungen finden inzwischen außerhalb von Krypto-Börsen statt. Die Institutionen, die die Blockchain theoretisch ersetzen sollte, übernehmen die Technologie schrittweise selbst.

Die NYSE entwickelt bereits Infrastruktur für den Handel mit Wertpapieren in tokenisierter Form. Nasdaq arbeitet an einem eigenen Modell, das Emittenten einbeziehen und zugleich die üblichen Aktionärsrechte wahren würde. Die DTCC, deren Infrastruktur die Abwicklung im gesamten US-Aktienmarkt übernimmt, führte im Juli Live-Transaktionen mit tokenisierten Assets durch und bereitet einen kommerziellen Service vor.

Mehr als 50 Finanzunternehmen, darunter BlackRock, JPMorgan und Goldman Sachs, beteiligen sich an der Entwicklung der Lösungen der DTCC. Die LSEG arbeitet zudem mit der Muttergesellschaft von Kraken an einer Infrastruktur für tokenisierte britische Aktien.

Dies verändert die Bedeutung der Prognose von CZ. Sollten IPOs tatsächlich onchain verlagert werden, müssen Börsen und Banken nicht zwangsläufig verschwinden. Traditionelle Intermediäre könnten die Blockchain stattdessen in den bestehenden Markt integrieren.

Experimente gehen bereits über den Sekundärhandel hinaus. Im September emittierte Indien tokenisierte Unternehmensanleihen im Wert von rund $53 Millionen: Ein Distributed Ledger wurde zur Erfassung der Eigentumsverhältnisse genutzt, während die Abwicklung mittels einer digitalen Zentralbankwährung für den Großhandel erfolgte.

Es handelt sich nicht um einen IPO, aber ein Unternehmen hat bereits neues Kapital über eine Infrastruktur aufgenommen, die jener ähnelt, die für ein Onchain-Aktienangebot erforderlich wäre.

Das größte Hindernis ist nicht die Geschwindigkeit der Blockchain, sondern die Verbindung zwischen einem digitalen Eintrag und rechtlich durchsetzbaren Rechten. Solange ein Token lediglich den Preis einer realen Aktie abbildet, kann er mit Brokern über Komfort und verlängerte Handelszeiten konkurrieren. Um eine IPO-Infrastruktur zu ersetzen, muss er selbst die Aktie werden – mit Eigentumsrechten, Stimmrechten, Dividenden und Anlegerschutz.

Das realistischste Szenario sieht daher nicht nach dem Verschwinden der Wall Street aus. Unternehmensregistrierung, Offenlegungspflichten und Investor Relations werden bestehen bleiben, während Aktienemission, Eigentumsregister, Abwicklung und Handel schrittweise auf Blockchain-Infrastruktur verlagert werden könnten.

IPOs können tatsächlich onchain verlagert werden, doch Krypto-Börsen werden nicht zwangsläufig die Gewinner dieser Transformation sein. Wenn traditionelle Märkte die Blockchain in ihre Infrastruktur integrieren, könnten Anleger eines Tages die Grenze zwischen konventionellen und tokenisierten Aktien schlicht nicht mehr wahrnehmen.

Dieses Material kann Meinungen Dritter enthalten, keine der Daten und Informationen auf dieser Webseite stellt eine Anlageberatung gemäß unserem Haftungsausschluss dar. Obwohl wir uns an strikte redaktionelle Integrität halten, kann dieser Beitrag Verweise auf Produkte unserer Partner enthalten.