Pavlo Kot

Stablecoins, Token und 24/7-Handel: Was TradFi von Krypto übernimmt

Stablecoins, Token und 24/7-Handel: Was TradFi von Krypto übernimmt
Wie Kryptotechnologie die traditionelle Finanzwelt verändert

​Stablecoins, Tokenisierung, Handel rund um die Uhr und programmierbare Abwicklung galten lange als prägende Merkmale der Kryptoökonomie. Jetzt übernehmen Banken, Zahlungsnetzwerke und die weltweit größten Vermögensverwalter dieselben Prinzipien. Welche Innovationen sind Teil der traditionellen Finanzwelt geworden, und warum ist das geschehen?

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Kryptobranche ihre eigene Version nahezu jedes Elements der Finanzinfrastruktur entwickelt: einen digitalen Dollar, Märkte, die nie schließen, tokenisierte Vermögenswerte und die automatisierte Handelsausführung per Code.

Viele dieser Konzepte existierten schon lange vor digitalen Vermögenswerten, doch die Kryptobranche machte daraus weitverbreitete, funktionierende Produkte und zeigte, wie sie sich in einem Rund-um-die-Uhr-System mit Millionen von Nutzern bewähren. Mit der Reifung des Marktes begannen seine erfolgreichsten Innovationen in genau das System einzuziehen, das sie einst herausfordern sollten: die traditionelle Finanzwelt.

Der Dollar kommt auf die Blockchain

Stablecoins entstanden zunächst, um ein Problem innerhalb des Kryptomarkts zu lösen. Händler benötigten einen an den Dollar gekoppelten Vermögenswert, der jederzeit zwischen Börsen transferiert werden konnte, ohne eine Banküberweisung zu erfordern.

USDT und später USDC brachten diese Variante des Dollars auf die Blockchain. Sie können nachts, am Wochenende oder zwischen Plattformen in verschiedenen Ländern transferiert werden, ohne darauf zu warten, dass Banken öffnen.

Außerhalb der Kryptowelt wurde dieses Modell lange als Nischenlösung betrachtet. Jetzt nutzen Zahlungsriesen dieselben Eigenschaften als Grundlage für neue Abwicklungsinfrastrukturen.

Im Jahr 2026 beschreibt Visa Stablecoins nicht als Experiment, sondern als zusätzlichen Kanal für Geldtransfers im internationalen Zahlungsverkehr, im Treasury-Management und bei Unternehmensabrechnungen. Mastercard weitet die Abwicklung von Kartentransaktionen auf regulierte Stablecoins aus und baut Infrastruktur auf, die digitale Dollar mit seinem bestehenden Zahlungsnetzwerk verbindet.

Für Nutzer kann der Unterschied völlig unsichtbar sein. Sie sehen weiterhin Dollar, doch ein Teil des Abwicklungsprozesses zwischen Sender und Empfänger kann nun auf einer Blockchain stattfinden.

Unternehmen müssen weder Bitcoin halten noch DeFi nutzen oder sich als Teil von Web3 verstehen. Sie benötigen einfach einen neuen Zahlungskanal: einen digitalen Dollar, der unabhängig von Banköffnungszeiten transferiert werden kann.

Die Wall Street verwandelt Vermögenswerte in Token

Dieselbe Transformation findet bei der Tokenisierung statt. Jahrelang versprach die Kryptobranche, Aktien, Anleihen und Fonds auf Blockchains zu bringen, damit sie so einfach wie gewöhnliche Token übertragen werden können.

Nun tun die größten Akteure der traditionellen Finanzwelt genau das.

BlackRock gibt tokenisierte Geldmarktinstrumente aus, während J.P. Morgan über Kinexys Blockchain für Abwicklung, Sicherheitenmanagement und Vermögensübertragungen zwischen institutionellen Teilnehmern nutzt. Auch die europäische Finanzinfrastruktur rückte diesem Modell 2026 näher, als die EZB einen Mechanismus einführte, der Transaktionen mit digitalen Vermögenswerten mit der Abwicklung in Zentralbankgeld verknüpft.

Die wichtigste Veränderung besteht nicht darin, dass ein bekannter Fonds einen digitalen Token mit einem neuen Ticker erhält. Entscheidend ist, wie Eigentum erfasst, Vermögenswerte übertragen und Transaktionen abgewickelt werden.

Ein tokenisierter Vermögenswert kann zwischen autorisierten Wallets transferiert werden, als Sicherheit dienen oder Teil automatisierter Vorgänge werden, ohne dass in jeder Phase ein separater manueller Prozess erforderlich ist.

Damit hält auch eine weitere durch Krypto popularisierte Technologie Einzug in die traditionelle Finanzwelt: Smart Contracts. Nick Szabo schlug das Konzept bereits in den 1990er-Jahren vor, lange vor Ethereum, doch öffentliche Blockchains verwandelten es von einer Theorie in ein funktionierendes Finanzinstrument.

Code kann nun nicht nur einen von einem unbekannten DeFi-Projekt ausgegebenen Token steuern, sondern auch einen Anteil an einem regulierten Fonds, Banksicherheiten oder eine Unternehmensabrechnung.

Märkte schließen nicht mehr

Der Kryptomarkt funktioniert seit Beginn ohne Wochenenden oder nächtliche Unterbrechungen. Händler gewöhnten sich schnell daran, einen Vermögenswert am Sonntagmorgen genauso einfach kaufen oder verkaufen zu können wie am Dienstagnachmittag.

Traditionelle Börsen hielten jahrzehntelang an einem anderen Zeitplan fest. Der Handel war auf bestimmte Sitzungen beschränkt, während die Abwicklung und einige andere Vorgänge von den Banköffnungszeiten abhingen. Doch mit der Entwicklung der Tokenisierung wird diese Unterscheidung immer schwerer zu rechtfertigen.

Im Januar 2026 kündigte die Intercontinental Exchange, Eigentümerin der NYSE, Pläne zur Entwicklung einer Plattform für den Rund-um-die-Uhr-Handel mit tokenisierten Wertpapieren an. Sie soll eine nahezu sofortige Abwicklung und die Nutzung von Stablecoins zur Finanzierung von Transaktionen unterstützen.

Auch Nasdaq bewegt sich in Richtung längerer Handelszeiten, während Robinhood und Charles Schwab ihren Kunden bereits weit über die reguläre Handelssitzung hinaus Zugang zu US-Aktien ermöglichen.

Krypto hat auch die Erwartungen von Händlern an Derivate beeinflusst. Perpetual Futures sind zwar nicht zum direkten Standard auf traditionellen Märkten geworden, doch kontinuierlicher Handelszugang, eine einheitliche Benutzeroberfläche und die Möglichkeit, schnell zwischen verschiedenen Vermögenswerten zu wechseln, gelten zunehmend als Grundfunktionen.

Krypto verschwindet aus dem Namen der Technologie

Je erfolgreicher diese Ideen werden, desto seltener werden sie als Kryptotechnologien bezeichnet.

Prognosemärkte existierten lange vor der Blockchain, doch Kryptoplattformen zeigten, wie groß ein globaler Markt für Ereigniskontrakte rund um die Uhr werden kann. Robinhood baut sein Geschäft mit Ereigniskontrakten nun aktiv aus, während traditionelle Finanzunternehmen den Sektor als eigenständige Geschäftschance prüfen.

Eine ähnliche Verschiebung findet bei Stablecoins statt. Innerhalb der Kryptowelt begannen sie als praktischer Ersatz für Bankdollar, werden aber nun Teil der etablierten Zahlungsinfrastruktur. Die Tokenisierung entwickelt sich schrittweise von einem DeFi-Versprechen zu einem Instrument, das von BlackRock und J.P. Morgan genutzt wird. Smart Contracts gehen über experimentelle Anwendungen hinaus und finden Eingang in die institutionelle Abwicklung und Vermögensverwaltung.

Sogar die Terminologie verändert sich. Banken sprechen zunehmend nicht über DeFi oder Kryptowährungen, sondern über programmierbares Geld, digitale Sicherheiten, tokenisierte Einlagen und Abwicklung rund um die Uhr.

Das bedeutet nicht, dass die traditionelle Finanzwelt den Kryptomarkt einfach kopiert. Viele dieser Ideen gab es bereits früher, und Banken setzen sie in einem stärker regulierten und zugangsbeschränkten Umfeld um. Doch Krypto bot ein groß angelegtes Testfeld, auf dem diese Mechanismen mit echtem Geld und Millionen von Nutzern erprobt werden konnten.

Dadurch wird die Grenze zwischen den beiden Welten immer weniger sichtbar. Wenn eine Bank Transaktionen über eine Blockchain abwickelt, ein Fonds als Token existiert, Märkte über Nacht geöffnet bleiben und Code die Bedingungen einer Transaktion ausführt, wird die Debatte darüber, ob all dies als „Krypto“ gilt, fast zu einer Frage der Terminologie.

Die erfolgreichsten Technologien gehören meist nicht mehr der Branche, die sie popularisiert hat. Vielleicht liegt Kryptos größter Beitrag zur Finanzwelt genau darin: Statt das alte System vollständig zu ersetzen, wird sie dieses System dazu bringen, viele der Regeln zu übernehmen, die einst als ausschließlich für Kryptowährungen galten.

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