Olena Litvinenko

Nationales Blockchain-Netzwerk: Braucht die Welt eine solche Infrastruktur?

Nationales Blockchain-Netzwerk: Braucht die Welt eine solche Infrastruktur?
Wer braucht eine nationale Blockchain?

​Regierungen interessieren sich wieder verstärkt für Blockchain-Technologie – über Kryptowährungen hinaus. Von der digitalen Identität bis zu öffentlichen Registern prüfen mehrere Länder, wie gemeinsame Netzwerke wichtige Dienstleistungen verbessern könnten. Doch macht die Umstellung staatlicher Systeme auf eine Blockchain sie tatsächlich effizienter?

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

China setzt Blockchain auf die nationale Agenda

Die Führung der Kommunistischen Partei Chinas und der Staatsrat haben am 9. Oktober den Aufbau eines nationalen Blockchain-Netzwerks gefordert. Der Vorschlag ist Teil eines 19-Punkte-Wirtschaftsplans, der technologische Innovationen beschleunigen, die Industrie modernisieren und die digitale Infrastruktur in der gesamten Wirtschaft ausbauen soll.

Der Plan sieht außerdem ein landesweites Rechennetzwerk und Verbesserungen der Infrastruktur für den Datenaustausch vor. Für das geplante Blockchain-System nennt er jedoch weder ein Budget noch einen Starttermin oder technische Spezifikationen. Unklar ist auch, welche Institutionen es betreiben würden und wie Unternehmen Zugang erhalten könnten.

Chinas Interesse an Blockchain ist nicht neu. Peking unterstützt ihren Einsatz in Regierung und Industrie seit Jahren, während es strenge Beschränkungen für den Handel mit und das Mining von Kryptowährungen beibehält. Der neue Vorschlag deutet nicht auf eine Lockerung dieser Beschränkungen hin.

Das Land verfügt bereits über das Blockchain-based Service Network (BSN), das 2020 gestartet wurde, um die Entwicklung von Blockchain-Anwendungen einfacher und günstiger zu machen. Die Ankündigung erklärt nicht, ob das geplante Netzwerk auf dem BSN aufbauen oder separat betrieben würde. Dadurch stellt sich die Frage, wie die neue Infrastruktur neben bestehenden Systemen funktionieren würde.

Wie würde ein solches System funktionieren?

Ein nationales Blockchain-Netzwerk ist eine gemeinsame digitale Infrastruktur, über die teilnehmende Organisationen Informationen nach einheitlichen Regeln erfassen und verifizieren können. Statt vollständig auf getrennte Datenbanken angewiesen zu sein, könnten Behörden, Banken und Unternehmen einen gemeinsamen Datensatz nutzen, um Transaktionen zu bestätigen und zu prüfen, ob Dokumente verändert wurden. Die Dokumente selbst könnten in bestehenden Datenbanken verbleiben, während die Blockchain die für die Prüfung ihrer Echtheit erforderlichen Informationen speichert.

Nehmen wir ein Unternehmen, das Waren importiert. Zollbehörden, Banken, Logistikdienstleister und Steuerbehörden benötigen möglicherweise alle Informationen über dieselbe Lieferung. Eine gemeinsame Blockchain könnte autorisierten Teilnehmern ermöglichen, Dokumente zu verifizieren und Änderungen nachzuverfolgen, ohne wiederholt Informationen voneinander anfordern zu müssen.

Im Gegensatz zu Bitcoin, dem jeder beitreten kann, beschränken staatliche Blockchain-Netzwerke typischerweise, wer teilnehmen und Transaktionen validieren darf. Diese permissioned Systeme geben den Betreibern mehr Kontrolle über den Zugang und sensible Informationen, obwohl ihre Governance stärker zentralisiert ist als bei öffentlichen Kryptowährungen. Für ihren Betrieb benötigen sie außerdem keine Kryptowährung.

Wer entwickelt eine ähnliche Infrastruktur?

Indien führte im September 2024 sein National Blockchain Framework mit dem Namen Vishvasya ein, um eine gemeinsame Infrastruktur für Anwendungen im öffentlichen Sektor bereitzustellen. Seitdem ist die Initiative über die Planungsphase hinausgegangen; in mehreren Bundesstaaten entstehen praktische Anwendungen. Staatlich unterstützte Blockchain-Systeme werden in Karnataka und Jharkhand für Grundbuchdaten eingesetzt, während Andhra Pradesh im Juli 2026 ein Pilotprojekt für Blockchain-basierte Grundbuchdaten startete. Weitere Anwendungsfälle sind die Verifizierung von Bildungszertifikaten und die Nachverfolgung von Lieferketten für Medikamente.

Europa verfolgt mit der European Blockchain Services Infrastructure (EBSI) einen grenzüberschreitenden Ansatz. Das Netzwerk hat bereits Pilotprojekte zu Bildungsnachweisen, Identitätsprüfung und anderen öffentlichen Dienstleistungen unterstützt. Nun unter der Aufsicht von EUROPEUM-EDIC bereitet es einen umfassenderen Produktionsstart Ende 2026 vor. Anders als Chinas geplantes nationales System soll EBSI teilnehmenden europäischen Ländern helfen, Informationen grenzüberschreitend zu verifizieren und auszutauschen.

Ist Blockchain wirklich notwendig?

Das stärkste Argument für eine staatlich unterstützte Blockchain ist, dass mehrere Organisationen damit gemeinsame Datensätze verwalten und verifizieren können, ohne vollständig von einer einzigen Institution abhängig zu sein. Das könnte bei grenzüberschreitenden Dokumenten, beruflichen Qualifikationen und Lieferketten mit mehreren unabhängigen Teilnehmern nützlich sein.

Herkömmliche Datenbanken können jedoch viele dieser Aufgaben ebenfalls erfüllen. Sie sind häufig schneller, günstiger und einfacher zu warten. Wenn die Teilnehmer der Behörde, die ein staatlich kontrolliertes System verwaltet, bereits vertrauen, könnte eine herkömmliche Datenbank mit sorgfältig verwaltetem Zugriff ähnliche Ergebnisse erzielen – ohne zusätzliche Komplexität.

Datenschutz und Verantwortlichkeit werfen weitere Fragen auf. Ein nationales Netzwerk könnte die Prüfung von Datensätzen erleichtern, Behörden aber auch einen umfassenderen Einblick in Geschäftsaktivitäten und persönliche Informationen geben. Die Verantwortlichen müssen festlegen, wer auf sensible Daten zugreifen, Fehler korrigieren und Streitigkeiten zwischen Institutionen lösen darf. Selbst dann kann Blockchain nicht garantieren, dass die Informationen bei ihrer erstmaligen Eingabe korrekt sind. Ein falsches Dokument wird nicht allein dadurch vertrauenswürdig, dass es in einem manipulationsresistenten System gespeichert wird.

Nützlicher öffentlicher Dienst oder kostspielige Doppelstruktur?

Damit ein nationales Blockchain-Netzwerk zu einem nützlichen öffentlichen Dienst wird, ist mehr als technische Infrastruktur erforderlich. Behörden und Unternehmen müssen sich auf gemeinsame Standards einigen, festlegen, wer den Zugang kontrolliert, und bestehende Systeme zur Zusammenarbeit befähigen. Auch dann müssen Regierungen nachweisen, dass die Investition öffentliche Dienstleistungen schneller, günstiger oder zuverlässiger machen kann.

China verfügt bereits über Blockchain-Infrastruktur, doch sein jüngster Vorschlag lässt offen, welchen Nutzen ein neues nationales Netzwerk bringen und wie sein Erfolg gemessen werden soll. Andere Regierungen stehen vor einer ähnlichen Bewährungsprobe. Ein landesweites Blockchain-System aufzubauen, ist das eine. Nachzuweisen, dass es bessere öffentliche Dienstleistungen als bestehende Technologien erbringen kann, ist etwas anderes.

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