Evonik dringt auf spätere Klima- und Kohleziele in Deutschland
Mit Blick auf die Versorgungssicherheit stellt sich die deutsche Chemieindustrie erneut gegen zentrale Eckpunkte der Energiewende. Evonik-Chef Christian Kullmann fordert, den für Nordrhein-Westfalen geplanten Kohleausstieg 2030 sowie das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland zeitlich nach hinten zu verschieben.
Höhepunkte
- Evonik-CEO Christian Kullmann fordert angesichts mangelnder Gaskraftwerke und Infrastruktur, Kohleverstromung in Nordrhein-Westfalen mindestens bis 2033 fortzusetzen.
- Das am 15. August 2026 fällige Gesetzes-Review kann den Braunkohleausstieg für Niederaußem K sowie Neurath F und G bis 2033 verschieben.
- Kullmann plädiert für eine Verschiebung des deutschen Klimaneutralitätsziels von 2045 auf 2050, da die Energiewende bereits rund 1000 Milliarden Euro kostete.
Kullmann verknüpft Energiepolitik mit Industriestandort
Wie Bild unter Berufung auf die „Rheinische Post“ berichtet, zweifelt Christian Kullmann, Vorstandsvorsitzender von Evonik, am vorgezogenen Ende der Kohleverstromung in Nordrhein-Westfalen. Er sagt, für einen Ausstieg bis 2030 fehlten ausreichend Gaskraftwerke, um die Energieversorgung verlässlich abzusichern.Nach seinen Angaben reicht die bestehende Netzinfrastruktur nicht aus, zudem sei bezahlbarer Wasserstoff nicht verfügbar. Eine längere Nutzung von Kohle liege deshalb im Interesse der Industrie; Kullmann erklärt, Deutschland werde Kohle mindestens bis 2033 benötigen, voraussichtlich auch länger, abhängig von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Der Braunkohleausstieg in Nordrhein-Westfalen ist derzeit bis 2030 vorgesehen und liegt damit acht Jahre vor dem bundesweiten Ausstiegsziel bis spätestens 2038. Die entsprechende Vereinbarung wird Ende 2022 zwischen Bund, dem Land Nordrhein-Westfalen und RWE getroffen und gilt als zentrales Vorhaben der schwarz-grünen Landesregierung.
Revision des Kohlegesetzes und Folgen für die Chemie
Bereits im Dezember 2022 verabschiedet der Bundestag ein Gesetz, wonach in Nordrhein-Westfalen drei Braunkohleblöcke schon 2030 statt 2038 vom Netz gehen sollen. Zugleich enthält das Kohleausstiegsgesetz eine Revisionsklausel, wonach die Bundesregierung spätestens im Rahmen der Überprüfung zum 15. August 2026 entscheiden muss, ob die Blöcke Niederaußem K sowie Neurath F und G ab April 2030 als Reserve vorgehalten werden und bis 2033 verfügbar bleiben.Kullmann fordert darüber hinaus, das deutsche Ziel der Klimaneutralität von 2045 auf 2050 zu verschieben. Er begründet das mit Wettbewerbsnachteilen für die Industrie und verweist darauf, dass die Energiewende bislang rund 1000 Milliarden Euro gekostet habe, ohne aus seiner Sicht einen ausreichenden Nutzen für den Standort zu bringen.
Für die Chemiebranche ist die Debatte besonders relevant, weil sie zu den energieintensivsten Industriezweigen in Deutschland zählt. Verzögerungen beim Aufbau wasserstofffähiger Gaskraftwerke und gesicherter Kraftwerkskapazitäten könnten damit den Druck auf Produktionskosten und Investitionsentscheidungen weiter erhöhen.
In unserem früheren Beitrag zum Ausbau von RWEs Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion haben wir erläutert, dass das Bundeskartellamt den indirekten Anteilsanstieg von rund 20 auf etwa 55 Prozent genehmigt hat, ohne dass RWE die alleinige Kontrolle erhält. Wir haben dabei eingeordnet, welche Rolle regulatorische Entflechtungsvorgaben und ein diskriminierungsfreier Netzbetrieb für Wettbewerb, Netzstabilität und die Weiterentwicklung der deutschen Energieinfrastruktur spielen.
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