Scope Ratings sieht länderspezifische Klimarisiken für Staaten in der EU und G20
Langfristige Klimarisiken für Staaten fallen laut einer neuen Analyse über einen Zeitraum von 30 Jahren je nach Land und Szenario sehr unterschiedlich aus. Die Schätzungen reichen von begrenzten BIP-Verlusten in Teilen Europas bis zu deutlich höheren Belastungen in Ländern wie Indien und unterstreichen damit die Unsicherheit für die staatliche Kreditbewertung.
Höhepunkte
- Scope Ratings schätzt, dass die kumulierten wirtschaftlichen Kosten chronischer Klimarisiken für Spanien bis zu 6,8% und für Indien bis zu 16% des BIP erreichen könnten.
- Griechenland und Zypern gelten in allen NGFS-Szenarien als EU-Länder mit der höchsten Exponierung gegenüber chronischen physischen Klimarisiken, während Saudi-Arabien und Indien G20-seitig besonders betroffen sind.
- Die Studie betont, dass langfristige Klimarisiken künftig verstärkt Einfluss auf Ratings und Kreditrisikoeinschätzungen von Staaten nehmen, jedoch Bewertungsunsicherheiten durch Annahmen zu Preisen und Technologien hoch bleiben.
Klimaszenarien und wirtschaftliche Spannbreite
Wie Scope Ratings berichtet, untersucht die jüngste Studie die wirtschaftlichen Folgen chronischer physischer Risiken, akuter physischer Risiken und von Transitionsrisiken für EU-Länder sowie ausgewählte G20-Staaten auf Basis von Klimaszenarien des Network for Greening the Financial System, NGFS. Gemessen werden die Effekte als kumulierte Verluste in Prozentpunkten des Bruttoinlandsprodukts unter den drei Übergangsszenarien orderly, disorderly und hot house world.Für Spanien könnten die wirtschaftlichen Kosten ohne akute physische Risiken je nach Szenario und Modell zwischen 3,8% und 6,8% des BIP liegen. Für Deutschland und Italien fällt die geschätzte Spanne mit 0% bis 5% des BIP niedriger aus, während die Unsicherheit bei mehreren Nicht-EU-Staaten noch größer ist.
Japan könnte den Berechnungen zufolge um bis zu 1% des BIP profitieren oder Verluste von nahezu 6% erleiden. Indien sticht mit möglichen Einbußen von 6% bis 16% des BIP hervor. Alvise Lennkh-Yunus, Leiter Sovereign & Public Sector bei Scope, sagt, die Untersuchung sei ein erster Schritt zur Einbindung langfristiger Klimarisiken in die Bewertung staatlicher Kreditrisiken.
Er verweist darauf, dass die Unsicherheit aus unterschiedlichen Annahmen und Modellansätzen resultiert, etwa zur Entwicklung der Energiesysteme, zu technologischen Lernkurven, zur Energienachfrage sowie zu künftigen Preisen, Investitionen, Ersparnissen und Nachfrageentscheidungen. Mit größerer Klarheit über diese Übertragungskanäle dürfte sich die Bandbreite der Ergebnisse nach seiner Einschätzung verengen und der Ansatz für die Kreditanalyse an Bedeutung gewinnen.
Besonders betroffene Länder und Folgen für Ratings
Unter den EU-Staaten gelten Griechenland und Zypern in allen Szenarien als am stärksten chronischen physischen Risiken ausgesetzt. Die geschätzten wirtschaftlichen Schäden sind im orderly-Szenario am niedrigsten, im disorderly-Szenario etwas höher und im hot house world-Szenario am höchsten, was laut der Studie mit der nichtlinearen Wirkung steigender Temperaturen auf das Wirtschaftswachstum zusammenhängt.Weniger intuitiv fällt das Ergebnis für Österreich aus, das im Sample unter dem orderly-Szenario zu den am stärksten von Transitionsrisiken betroffenen Staaten zählt. Scope beziffert den möglichen Verlust hier auf 2% bis 6% des BIP, verglichen mit 2% bis 3% im disorderly-Szenario, was das Unternehmen mit Barwertberechnungen und stärker diskontierten späteren Verlusten erklärt.
Für die G20 erscheinen Saudi-Arabien und Indien als die am stärksten von chronischen physischen Risiken betroffenen Staaten, während Russland und erneut Saudi-Arabien die höchsten Transitionsrisiken über die Szenarien hinweg aufweisen. Die niedrigsten geschätzten wirtschaftlichen Auswirkungen chronischer physischer Risiken unter dem hot house world-Szenario entfallen dagegen auf Russland, Kanada und das UK.
Für den Staatsanleihenmarkt und Ratingagenturen deutet die Analyse darauf hin, dass Klimarisiken stärker in langfristige Bonitätseinschätzungen einfließen. Zugleich zeigt die große Spannbreite der Ergebnisse, dass Annahmen zu Preisbildung, Nachfrageanpassung, Investitionen und technologischem Fortschritt die Bewertung der Risiken weiterhin erheblich beeinflussen.
In unserem früheren Beitrag zur freiwilligen Löschung von Emissionszertifikaten haben wir erläutert, dass die Bundesregierung für 2024 die Streichung von 687.000 Zertifikaten für bereits stillgelegte und bei der EU-Kommission notifizierte Stromerzeugungsanlagen vorsieht. Die tatsächliche Löschung ist dabei an die Gesamtmenge der 2025 im Umlauf befindlichen Zertifikate gekoppelt und kann je nach Schwellenwert auch auf null fallen. Damit zeigt das Thema, wie Klimaschutzmaßnahmen und Regeln im EU-Emissionshandel das Zertifikatsangebot und die Rahmenbedingungen für den Energiesektor beeinflussen.
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