Handel ohne Pausen: Warum die US-Regulierungsbehörden auf eine 24/7-Wall Street und Finanz-Super-Apps drängen

Handel ohne Pausen: Warum die US-Regulierungsbehörden auf eine 24/7-Wall Street und Finanz-Super-Apps drängen
Ein neuer Anfang oder eine neue Illusion: SEC und CFTC bereiten radikale Änderungen für Händler vor

Die US-Finanzaufsichtsbehörden haben beschlossen, dass der Rhythmus der Wall Street überholt ist. Der SEC-Vorsitzende Paul Atkins und die amtierende CFTC-Vorsitzende Caroline Pham verkündeten gleichzeitig: die Zeit für Veränderungen ist gekommen. Sie schlagen vor, die Börsen auf einen 24/7-Betrieb umzustellen, neue Instrumente für Kryptowährungen zu legalisieren und "Super-Apps" zu schaffen, mit denen ein Anleger alles auf einmal machen kann - vom Aktienkauf bis zur Wette auf Wahlen.

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Das klingt wie ein futuristisches Finanzszenario. Doch in Wirklichkeit ist es ein Versuch, sich an eine Welt anzupassen, in der Kryptobörsen und asiatische Märkte ohne Unterbrechungen arbeiten und eine neue Generation von Händlern nicht versteht, warum der Handel "nachts schließen" sollte. Die eigentliche Frage ist, wer diesen Sprung zuerst wagen wird - die Trader, die Kryptoindustrie oder die großen Plattformen, die auf eine Chance warten, die neue Nische zu besetzen.

24/7 statt der Eröffnungsglocke

Vor 154 Jahren führte die Wall Street erstmals den kontinuierlichen Handel ein. Doch mit der Zeit wich die Bequemlichkeit den Regeln. Seit 1985 sind die US-Börsen nur noch zu bestimmten Wochentagszeiten geöffnet. Das Symbol dieser Tradition ist die Glocke der New Yorker Börse, mit der der Markt jeden Tag eröffnet und geschlossen wird. Heute schlagen SEC und CFTC vor, dieses Ritual aufzugeben. Die Welt hat sich verändert: Kryptobörsen laufen ohne Wochenende, die Devisenmärkte schlafen nie, und Gold kann jederzeit gekauft oder verkauft werden. Eine neue Generation von Anlegern hat sich daran gewöhnt, nachts von ihrem Telefon aus zu handeln und nicht auf den Montagmorgen zu warten.Das Argument sieht überzeugend aus: Die USA laufen Gefahr, hinter eine globale Wirtschaft zurückzufallen, die längst in einen "always on"-Modus übergegangen ist. Aber es entsteht auch ein neues Risiko: Kann der Markt dem Druck rund um die Uhr standhalten?

Eine Super-App für alles

Der kühnste Punkt auf der Tagesordnung sind "Super-Apps". Stellen Sie sich eine Plattform vor, auf der Sie Aktien, Kryptowährungen und Ölderivate kaufen und gleichzeitig eine Wette auf einen Wahlausgang abschließen können. Klingt wie Science-Fiction? Heute ist dies eine tatsächliche Initiative der SEC.

Paul Atkins nennt solche Projekte eine "Schlüsselpriorität" und besteht darauf, dass die USA ohne sie hinter Asien zurückfallen werden, wo ähnliche Plattformen bereits getestet werden, und hinter Kryptobörsen, die bereits alles in einer einzigen App anbieten. Kritiker warnen jedoch, dass ein solcher Komfort mit offensichtlichen Gefahren verbunden ist: Super-Apps könnten sich zu neuen Monopolen entwickeln, bei denen der Staat vollen Zugriff auf die Finanztransaktionen der Bürger erhält. Und da große Tech-Unternehmen am ehesten solche Systeme aufbauen, könnte die finanzielle Kontrolle in unerwartete Hände geraten.

Auswirkungen auf den Kryptomarkt

Für die Kryptoindustrie klingen die Vorschläge der SEC und der CFTC wie ein lang ersehnter Durchbruch. Erstens hebt die Idee des 24/7-Handels die Grenze zwischen "alten" und "neuen" Märkten auf. Wenn die Börsen im gleichen Rhythmus wie die Kryptobörsen arbeiten, werden die Anleger in der Lage sein, ihr Kapital frei zu bewegen, ohne durch Zeitpläne eingeschränkt zu sein. Krypto wird nicht mehr wie ein "Nachtkasino" neben der seriösen Wall Street aussehen - jetzt spielen alle nach der gleichen Uhr.

Noch wichtiger ist die mögliche Zulassung von Perpetual Futures (unbefristete Verträge). Dabei handelt es sich um Termingeschäfte ohne Verfallsdatum: Ein Händler kann eine Position so lange halten, wie es die Marge erlaubt. So können Anleger sowohl von steigenden als auch von fallenden Preisen profitieren, ohne sich Gedanken über das "Auslaufen" eines Kontrakts machen zu müssen. An asiatischen Börsen wie Binance, OKX und Bybit, an denen täglich mehrere Milliarden Dollar gehandelt werden, sind sie bereits zum Standard geworden.

In den USA wurden diese Instrumente praktisch verboten, so dass Coinbase, Kraken und andere lokale Börsen sie nicht anbieten konnten. Infolgedessen strömten amerikanische Händler zu Offshore-Plattformen oder nutzten VPNs. Wenn sich die Regeln ändern, wird sich die Situation dramatisch verändern: US-Börsen könnten endlich unter den gleichen Bedingungen arbeiten wie ihre asiatischen Konkurrenten. Das bedeutet gleiche Instrumente, gleiche Chancen für Händler und die Chance, Kapital, das jahrelang im Ausland versickert ist, wieder nach Hause zu bringen.

Ebenso symbolträchtig ist die Lockerung der Vorschriften für Prognosemärkte und DeFi. Für Start-ups bedeutet dies, dass sie nicht mehr ins Ausland fliehen müssen, um neue Modelle zu testen. Die Innovation kehrt nach Hause zurück, und die USA könnten wieder zu einem Zentrum des digitalen Finanzwesens werden.All dies zusammen wirkt wie eine große Legalisierung. Nach jahrelangen Konflikten, Klagen und Verboten hat die Krypto-Industrie endlich gehört, dass die Regulierungsbehörden sagen: Wir sind bereit zur Zusammenarbeit.

Von Gensler zu einem "Neuanfang"

Noch vor wenigen Jahren war die SEC unter Gary Gensler ein Synonym für Klagen gegen Kryptounternehmen. Währenddessen versuchte der CFTC-Vorsitzende Rostin Behnam, den Dialog offen zu halten, vermied aber radikale Schritte. Beide Behörden stritten um die Zuständigkeit, während der Markt Zeit verlor und die Innovation ins Ausland abglitt. Paul Atkins und Caroline Pham zeigen Einigkeit und sprechen von einem "Neuanfang". Und hier ist der politische Kontext entscheidend: Die zweite Regierung von Donald Trump setzt auf Deregulierung und Offenheit für Kryptowährungen. Im Juli veröffentlichte das Weiße Haus einen Bericht, in dem es die SEC und die CFTC aufforderte, die Beschränkungen zu lockern und die Innovation zurück auf den Boden der USA zu bringen.

Amanda Fischer, eine frühere Gensler-Verbündete und jetzt politische Direktorin bei Better Markets, warnt: Die Umsetzung dieser Reformen könnte Jahre dauern, und ihre Folgen könnten extrem gefährlich sein, da Kryptounternehmen einen Vorteil gegenüber traditionellen Akteuren erlangen werden. Doch selbst Kritiker geben zu: Die Stimmung in Washington hat sich dramatisch verändert.

Eine neue Ära des Wettbewerbs

Die Vorschläge der SEC und der CFTC könnten die Spielregeln für die US-Finanzmärkte völlig neu definieren. Wenn die Regulierungsbehörden tatsächlich den 24/7-Handel einführen und gleiche Bedingungen für Kryptofirmen und traditionelle Akteure schaffen, könnte Amerika zum Schauplatz einer neuen Ära des Wettbewerbs werden - zwischen digitalem und klassischem Finanzwesen.Für Investoren ist es eine Chance, mehr Werkzeuge und Freiheit zu gewinnen. Für Kryptounternehmen - Legalisierung und die Möglichkeit, zu gleichen Bedingungen zu konkurrieren. Für Banken - eine Herausforderung, die sie zwingen wird, sich entweder anzupassen oder neuen Akteuren Platz zu machen.

Jahrzehntelang waren die USA das Herz der globalen Finanzwelt. Ob sie auch im Zeitalter digitaler Vermögenswerte das wirtschaftliche Zentrum der Welt bleiben können, wird davon abhängen, wie mutig SEC und CFTC zu sein bereit sind.

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