Deutschland ringt erneut um Atomkraftdebatte nach Graichen-Aussagen
Die Debatte über die wirtschaftlichen Folgen des deutschen Atomausstiegs erhält neuen Auftrieb, nachdem der frühere Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Patrick Graichen Vorteile eines längeren AKW-Betriebs einräumt. Seine Äußerungen verweisen auf den Konflikt zwischen Stromkosten, Versorgungssicherheit und Sicherheitsrisiken, der die Energiepolitik seit dem Abschalten der letzten Meiler 2023 prägt.
Das Wichtigste
- Patrick Graichen räumt auf der R21-Konferenz ein, dass weiterbetriebenen Kernkraftwerke in Deutschland 2023 mehr Strom zu günstigen Grenzkosten geliefert hätten.
- Trotz Kostenvorteilen bleibt Graichen wegen nuklearer Risiken, verstärkt durch den Ukraine-Krieg, bei seiner grundsätzlichen Ablehnung der Kernkraft.
- Energieexperten und Politiker streiten weiterhin, ob ein längerer AKW-Betrieb Strompreise hätte senken können und wie Sicherheitsrisiken gegen Versorgungsrelevanz und Kosten abzuwägen sind.
Graichen benennt Kostenvorteile eines längeren AKW-Betriebs
Wie BILD berichtet, sagt Patrick Graichen bei einer Konferenz der Denkfabrik R21 in Berlin, die 2023 abgeschalteten deutschen Kernkraftwerke hätten bei einem Weiterbetrieb mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten liefern können.Graichen gehörte unter dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck zu den prägenden Figuren der Energiepolitik, als im April 2023 die letzten drei deutschen Atomkraftwerke vom Netz gehen. Auf die Frage, ob der Atomausstieg ein Fehler gewesen sei, verweigert er zwar ein klares Ja, räumt zugleich aber den ökonomischen Vorteil zusätzlicher Strommengen aus laufenden Anlagen ein.
An seiner grundsätzlichen Ablehnung der Kernkraft hält Graichen dennoch fest. Als Hauptgrund nennt er weiterhin das Risiko eines schweren Atomunfalls, eine Einschätzung, in der ihn nach seinen Angaben auch der Krieg in der Ukraine bestärkt; derzeit ist er für den ukrainischen Stromnetzbetreiber Ukrenergo tätig.
Streit über Folgen für Strompreise und Versorgung
Widerspruch kommt auf der Veranstaltung von der Technikhistorikerin und Pro-Atomkraft-Aktivistin Anna Veronika Wendland. Sie wirft den Grünen vor, 2022 in Krieg und Energiekrise die Chance auf eine energiepolitische Kurskorrektur verpasst zu haben, und spricht sich sowohl für die Reaktivierung stillgelegter Anlagen als auch für den Bau neuer Kernkraftwerke in Deutschland aus.Auch der frühere Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt stellt Graichens Risikobewertung infrage. Unter Verweis auf Recherchen für sein Buch zur Kernenergie argumentiert er, die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit Austritt von Radioaktivität liege für praktische Anwendungen nahe null, und macht Graichen, Habeck und die frühere Kanzlerin Angela Merkel für aus seiner Sicht unnötig hohe Energiekosten verantwortlich.
Für den deutschen Energiesektor zeigt der Vorgang, dass die wirtschaftliche Bewertung des Atomausstiegs politisch umkämpft bleibt. Im Zentrum stehen dabei die Frage, ob ein längerer Betrieb bestehender Anlagen die Strompreise spürbar hätte dämpfen können, und wie hoch Sicherheitsrisiken im Verhältnis zu Kosten- und Versorgungsaspekten gewichtet werden.
Die Neubewertung des Autobahnprojekts A 39 im Bundesverkehrswegeplan 2030 stand in unserem früheren Artikel im Fokus. Darin ging es um Fragen aus dem Bundestag, warum sich das Nutzen-Kosten-Verhältnis in der Nachbewertung 2025 trotz Inflation und gestiegener Baukosten stark verbessert hat und welche Annahmen hinter den deutlich höheren Nutzenwerten zu Betriebskosten und Reisezeiten stehen.
Neueste Germany Nachrichten
- Forex
- Crypto