Europäische Firmen reduzieren Abhängigkeit von US-KI
Beschränkungen beim Zugang zu fortschrittlichen US-KI-Modellen beschleunigen einen Wandel, der in großen europäischen Unternehmen bereits im Gange ist. Firmen, die KI einst hauptsächlich als Produktivitätstool betrachteten, behandeln Zugang, Kontrolle und Kosten nun als strategische Risiken.
Höhepunkte
- US-Beschränkungen für einige Anthropic-Modelle legten Zugangsrisiken für europäische Firmen offen.
- Siemens, Renault, Orange und ChapsVision nutzen mehrere KI-Anbieter.
- Europäische Unternehmen wollen Resilienz durch Auswahl, nicht durch Isolation.
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Zugangsrisiko wird zum Geschäftsthema
Die jüngste Warnung erfolgte, nachdem die US-Regierung Anthropic angewiesen hatte, den Auslandszugang zu seinen Modellen Fable 5 und Mythos 5 unter Berufung auf nationale Sicherheitsbedenken auszusetzen. Der Schritt alarmierte europäische Technologie-Nutzer, da auf proprietäre KI-Dienste in der Regel aus der Ferne zugegriffen wird und diese unter der Kontrolle des Entwicklers bleiben, berichtet Reuters. Wenn ein Anbieter gezwungen ist, den Zugang zu beschränken, können Kunden dasselbe System nicht einfach auf ihre eigenen Server verschieben.
Führungskräfte von Siemens, Renault, Orange und ChapsVision erklärten auf der VivaTech-Konferenz in Paris, dass sie KI-Workloads bereits auf mehrere Anbieter verteilen. Siemens nutzt Modelle wie DeepSeek und Alibaba’s Qwen aus China, Nvidia’s Nemotron sowie andere US-amerikanische und europäische Systeme. Renault arbeitet mit Google, Microsoft, Mistral, DeepSeek und Dataiku zusammen und nutzt eine Mischung aus Open-Weight- und proprietären Modellen.
Für viele Unternehmen ist das Ziel nicht, US-Technologie abzuschneiden, sondern eine Abhängigkeit zu vermeiden. Cedrik Neike, CEO von Siemens Digital Industries, sagte, Souveränität dürfe nicht mit Autarkie oder vollständiger Selbstversorgung verwechselt werden. Die Botschaft der europäischen Industrie ist präziser: Unternehmen wollen die Möglichkeit haben, den Anbieter zu wechseln, wenn sich Zugang, Preis oder Regulierung ändern.
Europa sucht nach Kontrolle
Die Anthropic-Beschränkungen haben die Argumente für europäische KI-Kapazitäten gestärkt, insbesondere für Modelle, die Unternehmen auf ihrer eigenen Infrastruktur betreiben können. Frankreichs Mistral bleibt der bekannteste Anbieter von Allzweck-KI in der Region, während Firmen wie DeepL in spezialisierten Bereichen stärker sind. Europäische Führungskräfte räumen jedoch ein, dass dem lokalen Markt noch die Tiefe der US-amerikanischen und chinesischen Alternativen fehlt.
Orange erklärte, dass Open-Source- oder Open-Weight-Modelle die Risiken beim Datentransfer verringern können, wenn sie auf europäischer Infrastruktur betrieben werden. ChapsVision, das Regierungsaufträge in Frankreich und Deutschland als Alternative zu Palantir gewonnen hat, nutzt Modelle von Mistral, Anthropic, OpenAI und Qwen. Sein Ansatz spiegelt eine breitere Sichtweise wider: Souveränität bedeutet, glaubwürdige Substitute bereit zu haben, anstatt sich auf einen einzigen nationalen Champion zu verlassen.
Kosten als zweiter Druckpunkt
Der Zugang ist nicht die einzige Sorge. Token-Kosten – die Gebühren für die Informationsverarbeitung durch KI-Systeme – steigen, da Unternehmen Software-Agenten einsetzen, die Aufgaben automatisch ausführen können. Orange sagte, dass sich Führungskräfte bis Ende des Jahres verstärkt auf die Kosten pro Token konzentrieren könnten.
Renault erklärte, dass steigende KI-Token-Kosten bereits zur Anpassung zwingen. Celonis, zu deren Kunden BMW und Siemens gehören, sagte, Unternehmen bräuchten bessere interne Kontextmodelle, bevor sie KI-Agenten einsetzen. Ohne diese müssen KI-Systeme wiederholt grundlegende Fakten aus Unternehmensdaten extrahieren, was die Nutzungsrechnungen schnell in die Höhe treiben kann.
Das Ergebnis ist eine pragmatischere europäische KI-Strategie. Unternehmen geben US-Modelle nicht auf, bauen aber Portfolios aus Anbietern, Infrastruktur und Kostenkontrollen auf. Die Anthropic-Episode hat eines verdeutlicht: Für große Unternehmen ist die KI-Abhängigkeit mittlerweile ein Lieferkettenrisiko und nicht mehr nur eine Software-Entscheidung.
Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die EU neue Cloud-Regeln für Amazon, Microsoft und Google vorbereitet.
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