Sam Altman World: Biometrie für Token und Kontroverse um digitale Identität

Sam Altman World: Biometrie für Token und Kontroverse um digitale Identität
Biometrisches Scannen mit dem Orb: Der Weg zur globalen Identitätsüberprüfung beginnt

Das Krypto-Projekt World (ehemals Worldcoin) startet in den USA. Es ist ein ehrgeiziger Versuch von OpenAI-CEO und ChatGPT-Erfinder Sam Altman, Kryptowährung, digitale Identität und den Kampf gegen Bots zu vereinen.

Dieser Artikel wurde aus dem Original übersetzt. Lesen Sie die Originalversion unseres Korrespondenten hier.

Nutzer, die einer biometrischen Verifizierung per Iris-Scan zustimmen, erhalten WLD-Token und eine einzigartige World ID. Mit dieser ID könnte man sich in Zukunft bei Online-Diensten anmelden - darunter soziale Netzwerke, Dating-Apps und sogar Zahlungssysteme.

Die Idee ist kühn und, wie bei Altman üblich, um Jahrzehnte voraus. Aber sie wirft eine berechtigte Frage auf: Ist der Preis für den Nachweis der eigenen Menschlichkeit zu hoch?

Wie World funktioniert und warum die Menschen gebeten werden, ihre Iris zu scannen

Das Projekt, das ursprünglich unter dem Namen Worldcoin bekannt war, wurde als eine Möglichkeit konzipiert, eine Art universelles Grundeinkommen (UBI) in einem Zeitalter einzuführen, in dem die KI Millionen von Arbeitnehmern verdrängen könnte. Doch bevor man damit beginnen kann, Geld an jeden Menschen auf der Erde zu verteilen, muss man sicher sein, dass jede Person echt ist.

Hier kommt der Orb ins Spiel - eine silberne Kugel, die Ihre Iris scannt und eine eindeutige digitale Kennung erzeugt, die nicht gefälscht, kopiert oder mehrfach verwendet werden kann.

Jede Person erhält ihre World ID, die bestätigt, dass sie ein echter Mensch ist - und im Gegenzug erhält sie WLD-Tokens. Den Erfindern zufolge könnten diese IDs eines Tages als Rückgrat globaler Authentifizierungssysteme dienen: für die Stimmabgabe, den Zugang zu sozialen Plattformen, die Bekämpfung von Bots, Spam, Betrug und Desinformation - und das alles angeblich unter Wahrung der Privatsphäre der Nutzer.

Kühne Vision, kontroverse Technologie

World hat bereits Pilotprogramme in Dutzenden von Ländern gestartet - von Kenia und Indonesien bis Argentinien und Deutschland. Mehr als zwei Millionen Menschen haben zugestimmt, ihre Iris scannen zu lassen. Doch genau hier beginnt die Kontroverse.

Im Jahr 2022 veröffentlichte die MIT Technology Review eine Untersuchung, die enthüllte, dass in mehreren Ländern die Datenerfassung ohne eindeutige oder informierte Zustimmung durchgeführt wurde. In der Zwischenzeit verurteilte Edward Snowden das Projekt öffentlich und schrieb:

"Katalogisiert keine Augäpfel. Benutzt keine biometrischen Daten zur Betrugsbekämpfung. Tatsächlich sollte man Biometrie für gar nichts verwenden."

Die Macher von World bestehen darauf, dass alle biometrischen Daten verschlüsselt und nach dem Scannen gelöscht werden, so dass nur eine numerische Zeichenfolge zurückbleibt. Aber kann der Durchschnittsbürger dem trauen - ohne das White Paper des Projekts gelesen zu haben?

Die Einführung des Tokens: Viel Hype, wenig Vertrauen

Am 24. Juli 2021 führte World offiziell seinen eigenen Token ein - WLD. Wie bei jedem hochkarätigen Krypto-Debüt zu erwarten, schnellte der Preis sofort in die Höhe, fiel aber schnell wieder. Vielleicht waren die Nutzer nicht von der Nachhaltigkeit des Modells überzeugt. Vielleicht lag es aber auch an Vitalik Buterins Blogbeitrag - der Mitbegründer von Ethereum äußerte mehrere große Bedenken.

Erstens: die Möglichkeit, dass mehr Daten als nötig gesammelt werden. Zweitens: das Risiko, dass jemand die Iris einer anderen Person scannen und überprüfen könnte, ob diese eine World ID besitzt. Und drittens: die Gefahr der Zentralisierung - wenn die Kontrolle über die Orb-Geräte in wenigen Händen liegt, könnten die "einzigartigen IDs" nicht mehr so einzigartig sein. Dennoch räumte Buterin ein, dass ein erfolgreiches System zur Überprüfung der echten menschlichen Identität in Zukunft wahrscheinlich sehr gefragt sein wird.

Tokenomics können nur Insider vertrauen?

Zum Zeitpunkt der Markteinführung befanden sich nur etwa 143 Millionen WLD-Token im Umlauf - bei einem geplanten Gesamtangebot von 10 Milliarden. Davon wurden 100 Millionen an Market Maker zugeteilt, um die Liquidität zu gewährleisten. Der Großteil der Token wird über die nächsten 15 Jahre verteilt, während sich Unternehmensinsider und Investoren verpflichtet haben, ihre Anteile für mindestens 12 Monate nicht zu verkaufen.

Kritiker, darunter auch der Mitbegründer von Hacken, Dmytro Budorin, bezeichneten das Projekt als ein Pumpschema wie aus dem Lehrbuch: mit einem winzigen zirkulierenden Angebot starten, einen vagen Anwendungsfall anbieten und die Kontrolle über die Verteilung behalten. Seiner Meinung nach ist World nichts weiter als Altmans Meme-Münze - ein Spielzeug, das eigentlich nichts kann.

Eine ähnliche Ansicht vertritt der Investor Ari Paul von BlockTower Capital, der argumentiert, dass der Token von World keinen wirklichen Nutzen über den spekulativen Handel hinaus hat.

Während die Krypto-Community debattiert und die Anleger die Kursverläufe verfolgen, haben die Regulierungsbehörden in Europa und Afrika begonnen zu handeln. In Großbritannien, Deutschland und Frankreich wurde World zum Gegenstand von Untersuchungen durch Datenschutzbehörden. Kenia setzte das Projekt aus, da es Bedenken wegen Verstößen gegen seine Datenschutzgesetze äußerte.

Vor allem Nutzer in den USA durften aufgrund der dortigen Datenschutzbestimmungen zunächst überhaupt keine Iris-Scans durchführen. Nichtsdestotrotz expandiert World weiter: Eine neue Phase des Projekts ist in den USA angelaufen, und die jüngsten Integrationen deuten darauf hin, dass es sich nicht mehr um ein theoretisches Experiment handelt, sondern dass es sich zu einem vollwertigen Infrastrukturprojekt entwickelt.

Die Roadmap von World: Mini-Apps, Belohnungen und eine eigene Visa-Karte

Eine kürzliche Ankündigung des World-Teams enthüllt eine neue Funktion: Über die World-App haben die Nutzer nun Zugang zu einer Mini-Applikation von Morpho Labs, die es ihnen ermöglicht, zu leihen, zu verleihen und Belohnungen zu verdienen - wobei verifizierte Menschen bevorzugt werden.

Darüber hinaus plant World die Einführung der World Card - einer vollwertigen Visa-Kryptokarte, die sowohl online als auch offline überall dort verwendet werden kann, wo herkömmliche Zahlungskarten akzeptiert werden. Im Grunde könnte dies eine der Hauptanwendungen von World ID werden: Sie weisen nicht nur nach, dass Sie ein Mensch sind - Sie erhalten dafür auch Privilegien.

Ein Werkzeug der Zukunft oder eine digitale Falle?

Das Projekt World bewegt sich in viele Richtungen gleichzeitig:

- biometrische Identifizierung

- Universelles Grundeinkommen

- Zugang zu DeFi-Belohnungen

- Zahlungsinfrastruktur

- soziale Authentifizierung

Doch hinter diesem ehrgeizigen Funktionsumfang verbirgt sich eine tiefere Frage der Wahl. World basiert auf einem einfachen Versprechen:

"Wir werden eine sichere digitale Identität schaffen, die die Zukunft freischaltet".

Doch in einer Welt, in der Daten das neue Öl sind, stellt sich die Frage: Lohnt es sich, seine biometrischen Daten gegen ein paar Token und ein Belohnungsprogramm einzutauschen?

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