Deutschlands Ärzte warnen vor Leistungskürzungen im Kassensystem
Nach Angaben des Vorstands der Kassenärztlichen Bundesvereinigung drohen bei weiteren Einschnitten in der Vergütung spürbare Folgen für die ambulante Versorgung in Deutschland. Andreas Gassen sagt, Fachärzte erhielten bereits heute für einen Teil der erbrachten Termine keine Bezahlung und würden dieses unbezahlte Angebot im Jahresverlauf deutlich zurückfahren. Auslöser der Warnung sind die angekündigten Sparpläne von Gesundheitsministerin Nina Warken, die am kommenden Montag vorgestellt werden sollen.
Höhepunkte
- Fachärzte führen jährlich rund 40 Millionen unbezahlte Behandlungen durch, was 15 Prozent aller Termine nach Überschreiten ihres Budgets entspricht.
- Gesundheitsministerin Warken warnt für 2027 vor einem erwarteten Kassendefizit von 12 Milliarden Euro und plant Sparmaßnahmen im ambulanten Bereich.
- Ärzteverbände und Hausärzte kritisieren die Sparpläne, da reduzierte Vergütungspauschalen Praxisschließungen und längere Wege für Patienten, besonders in unterversorgten Regionen, verursachen könnten.
Vergütungsgrenzen setzen Praxen unter Druck
In den Praxen werden pro Jahr fast 580 Millionen Behandlungen durchgeführt. Für gesetzlich Versicherte gilt bei vielen Fachärzten ein festes Budget, nach dessen Ausschöpfung keine weitere Vergütung mehr fließt. Nach Darstellung der Ärzte führen zahlreiche Praxen dennoch zusätzliche Termine durch und behandeln Patienten damit ohne Honorar.
Gassen beziffert diesen unbezahlten Anteil bei Fachärzten auf 15 Prozent der Termine, das entspreche rund 40 Millionen kostenlosen Behandlungen pro Jahr. Sollte die Vergütung weiter sinken, würden noch mehr Angebote wegfallen. Er macht damit deutlich, dass aus Sicht der Vertragsärzte die Zahl der verfügbaren Termine direkt von der Finanzierung abhängt.
Sparpläne zielen auf Kassendefizit ab
Gesundheitsministerin Warken will mit ihrem Vorhaben zusätzliche Einsparungen im System erreichen. Für 2027 befürchtet sie den Angaben zufolge ein Finanzloch von 12 Milliarden Euro bei den Krankenkassen. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Leistungen im ambulanten Bereich künftig noch finanziert werden können.
Die Ärzteverbände weisen den Vorwurf zurück, Kürzungen ließen sich ohne Folgen für Patienten umsetzen. Gassen erklärt, Praxen seien jederzeit in der Lage, ihr Leistungsangebot an das verfügbare Budget anzupassen, sowohl nach oben als auch nach unten. Aus seiner Sicht trifft ein Sparkurs daher nicht nur die Honorare der Ärzte, sondern unmittelbar auch die Versorgung gesetzlich Versicherter.
Hausärzte warnen vor weiterem Praxisrückzug
Auch aus dem hausärztlichen Bereich kommt Widerstand gegen mögliche Einschnitte. Markus Blumenthal-Beier, Vorsitzender des Hausärzteverbands, warnt, eine Rücknahme bisheriger Entlastungen könne ein weiteres Praxissterben auslösen. Besonders in ohnehin angespannten Regionen würden Ärzte dann stärker prüfen, ob sich der Betrieb ihrer Praxis wirtschaftlich noch lohnt.
Für Patienten könnte das längere Wege und eine aufwendigere Suche nach einer aufnehmenden Hausarztpraxis bedeuten. Nach Einschätzung der Hausärzte würde eine schwächere Finanzierung die regionale Versorgung vor allem dort belasten, wo schon heute nur wenige Praxen verfügbar sind. Die Warnungen zeigen, dass die angekündigte Sparrunde über den Finanzrahmen der Kassen hinaus Auswirkungen auf die Erreichbarkeit medizinischer Angebote haben könnte.
Wir berichteten zuvor über die zunehmende Zahl von Apothekeninsolvenzen und -schließungen in Deutschland und den wachsenden wirtschaftlichen Druck auf die Betriebe. In dem Beitrag ging es um die seit Jahren regulierte Vergütung, steigende Kosten sowie die Warnung der Branche, dass eine bessere Finanzierung nötig ist, um die flächendeckende Versorgung zu sichern.
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