Bundestagskommission beleuchtet Pandemiefolgen für Arbeitsmarkt und Care-Sektor
In der Aufarbeitung der Corona-Pandemie rücken die wirtschaftlichen und sozialen Folgen für Beschäftigte, Familien und Pflegeeinrichtungen erneut in den Mittelpunkt. In einer Sitzung der Enquete-Kommission des Bundestags am Donnerstag verweisen Sachverständige und frühere Amtsträger auf hohe Wertschöpfungsverluste, strukturelle Benachteiligungen und Defizite in der Krisenvorsorge.
Höhepunkte
- Die Pandemie verursachte laut BDA-Schätzung Schäden an der Wertschöpfung von 350 Milliarden Euro und offenbarte Schwächen in Politikreaktionen und sozialer Absicherung.
- Im Frühjahr 2020 sicherten laut Hubertus Heil sechs Millionen Kurzarbeiter wirtschaftliche Stabilität, wobei Frauen überproportional Care-Arbeit und familiäre Belastungen übernahmen.
- Die Enquete-Kommission plant bis Juni 2027 einen Abschlussbericht mit Empfehlungen zur besseren Prävention, Krisenbewältigung und gesellschaftlichen Resilienz für zukünftige Gesundheitskrisen.
Belastungen für Beschäftigung, Pflege und soziale Sicherung
Wie der Deutscher Bundestag berichtet, diskutiert die Enquete-Kommission die Auswirkungen der Pandemie auf Arbeitswelt und Care-Arbeit anhand von Erfahrungen aus Wirtschaft, Pflege, Sozialpolitik und Familienforschung.Susanne Wagenmann, Leiterin der Abteilung Soziale Sicherung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, beziffert die Schäden an der Wertschöpfung auf 350 Milliarden Euro. Sie fordert eine transparente Politik in Krisenzeiten und warnt vor einem Flickenteppich bei Gegenmaßnahmen. Auf die Frage nach einem Szenario ohne staatliche Eingriffe sagt sie zudem, der europäische Vergleich zeige, dass das deutsche Modell der Sozialpartnerschaft stark zur Sicherung von Arbeitsplätzen beiträgt.
Aus der Pflegepraxis schildert Grit Köllmer aus Oschersleben erhebliche Belastungen durch ständig neue Vorgaben und Umsatzeinbußen. Sie berichtet von personellen Engpässen in der Versorgung älterer Menschen und kritisiert eine aus ihrer Sicht unverhältnismäßige politische Einmischung in die Arbeit der Einrichtungen.
Der ehemalige Bundesarbeitsminister Hubertus Heil verweist darauf, dass im Frühjahr 2020 sechs Millionen Menschen in Kurzarbeit sind. Dadurch werden nach seiner Darstellung nicht nur Arbeitsplätze gesichert, sondern auch die wirtschaftliche Lage stabilisiert. Zugleich betont er, dass Frauen in der Pandemie den größten Teil der Care-Arbeit und der familiären Lasten tragen.
Strukturelle Folgen und Empfehlungen für künftige Krisen
Judith Rahner, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats, sieht durch die Pandemie strukturelle Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt offengelegt. Weil Frauen häufiger in Teilzeit und Minijobs arbeiten, fällt das Kurzarbeitergeld für sie oft geringer aus, zudem reduzieren viele Mütter ihre Erwerbsarbeit. Sie fordert deshalb, Minijobs stärker in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu überführen und Gewaltschutz verbindlich in Krisenkonzepte einzubinden.Katja Kipping betont, dass ärmere Menschen zu den größten Verlierern der Pandemie gehören. Beengte Wohnverhältnisse, weggefallene Mittagessen in Einrichtungen und Einschränkungen bei Unterstützungsangeboten verschärfen nach ihrer Darstellung die Lage zusätzlich. Mit Blick auf Wohnungslosigkeit verweist sie auf Berliner Maßnahmen wie angemietete Hostels und Jugendherbergen sowie auf die als systemrelevant eingestufte Straßensozialarbeit.
Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, sagt, die Schließung von Einrichtungen belaste Familien in besonderem Maße und schränke die mentale Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Eltern ein. Zwei Drittel der Familien seien während der Pandemie im Doppelerwerb gewesen.
Die Enquete-Kommission arbeitet interdisziplinär an Vorschlägen für bessere Risikobewertung, Früherkennung und Krisenbewältigung in künftigen Pandemien. Bis Ende Juni 2027 soll sie einen Abschlussbericht mit konkreten Empfehlungen zur Prävention, Bekämpfung künftiger Gesundheitskrisen und zur gesellschaftlichen Resilienz vorlegen.
In unserem früheren Beitrag zum Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland Anfang 2026 haben wir die wachsenden Insolvenzanträge im ersten Quartal (6.275 Fälle) und den besonders starken Zuwachs im März eingeordnet. Wir zeigten zudem, welche Branchen besonders betroffen waren und warum die Forderungen der Gläubiger trotz steigender Fallzahlen deutlich sanken, während zugleich auch die Verbraucherinsolvenzen zulegten.
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